Das Aare-Inseli vor den Toren Solothurns liefert in diesen Tagen nicht zum ersten Mal Gesprächsstoff und Schlagzeilen. Die Wellen um die baufällige Fähre, die auch schon mal zu abenteuerlich-fidelen Gruppentransporten in rabenschwarzen Nächten eingesetzt wurde, haben sich zwar geglättet. Zur Ruhe kommen die Besitzer des idyllischen Landflecks in der Flussmitte trotzdem nicht. Es steht weiteres Ungemach an. Erneut deutet alles darauf hin, dass es existenziell ist.

Distanz zu Festlandbewohnern verändert Sichtweise

Um Menschen und deren Handeln zu verstehen, ist es zuweilen hilfreich, in die Vogelperspektive zu wechseln. Dabei erkennen wir, dass beispielsweise Japan als Inselstaat bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein völlig abgeschottet funktioniert hat und die Lebensweise nicht äusseren Einflüssen angepasst oder gar untergeordnet hat. Oder die Briten: Sie zelebrieren ihr Inseldasein nicht bloss, sie haben es zutiefst verinnerlicht.
Entsprechend müssen sie ihr Verhältnis, die Nähe und Distanz zum europäischen Festland noch heute regelmässig neu definieren. Insulaner ticken ganz einfach etwas anders.

Wenn Regeln und Paragrafen
den Alltag stören

Genau so wie trennende Gewässer in der grossen weiten Welt die Inselbewohner prägen, geschieht dies ganz offensichtlich auch vor unserer Haustüre. Die Bauernfamilie auf dem Aare-Inseli ist es nicht gewohnt, auf unmittelbar angrenzende Nachbarn Rücksicht nehmen zu müssen.

Auf der andern Seite bringt es ihre Abgeschiedenheit mit sich, dass die sonst übliche Nachbarschaftshilfe entfällt. Wer auf sich allein gestellt ist, weiss sich in der Regel selber zu helfen, wenn der anstrengende Alltag bewältigt werden will.

Dass dabei abseits der bevölkerten Pfade nicht sämtliche Regeln und Paragrafen oberste Priorität geniessen, ist wenig verwunderlich. Nun lebt sich allerdings auch am Rande der Zivilisation nicht völlig im rechtsfreien Raum, selbst wenn dort paradiesische Zustände herrschen. Kommt hinzu, dass sich das Kleinod in einem äusserst dicht bevölkerten Land befindet.

Gegnerschaft fällt nicht einfach vom Himmel

Die Inseli-Leute haben bereits mit ihrem Fähren-Ersatz erfahren müssen, dass sich die Aussenwelt nicht einfach auf Distanz halten und schon gar nicht ausblenden lässt. Jetzt haben sie sich erneut in eine schwierige Situation manövriert.

Es ist absolut nachvollziehbar, wenn sie die wirtschaftliche Zukunft ihres Nachwuchses auf dem Inseli sichern wollen. Ein solider Landwirtschaftsbetrieb und ein ergänzender Gastrozweig sollen dafür sorgen. Ein Konzept, das Sinn macht, zumal die Bewirtung von Gästen in der einmaligen Kulisse besonders gut ankommt.

Wer es jedoch schafft, auf dem Weg von der Idee zur Realisierung zwei zuständige Gemeinden, Pro Natura und den Vogelschutzverein gegen sich aufzubringen, sollte sich ernsthaft die Frage stellen, ob allenfalls die knorrige Inselmentalität etwas weniger konfrontativ ausgelebt werden müsste.

Verhärtete Fronten erfordern
einen Brückenbauer

Die Aare-Insulaner sollten die Möglichkeit haben sich auf ihrem Grund und Boden eine längerfristige Existenz sichern zu können. Dass ihre forcierten Ausbaupläne auf wenig Gegenliebe stossen, entspricht allerdings auch einer Tatsache.

Selbst wenn es sich auf der Insel mehrheitlich so anfühlen dürfte, findet auch dort das Leben nicht luftleeren Raum statt. Derzeit herrscht vielmehr dicke Luft – zum Abschneiden dick. Die Fronten scheinen arg verhärtet. Konstruktive Gespräche haben es unter diesen Voraussetzungen immer schwerer.

Gefragt ist jetzt ein Brückenbauer, denn letztlich muss zwingend eine für alle Seiten befriedigende Lösung gefunden werden. Selbst wenn für den Sonderfall Inseli die eine oder andere Sonderregelung zur Anwendung gelangt. Nebst der Existenzfrage für die Bewohner geht es hier auch um die Interessen der Allgemeinheit, kann doch die Bevölkerung ebenfalls in den Genuss der Inseli-Idylle kommen.

Ein Mann, der sich in beide Seiten einfühlen kann

In der Ausgabe vom vergangenen Donnerstag haben wir einen runden Tisch angeregt. Das sollte möglich sein. Die Federführung kann jedoch nur jemand mit der nötigen Akzeptanz auf allen Seiten übernehmen.

Also jemand mit Hintergrundwissen, Sachkenntnis und Verständnis für Kanton, Gemeinden, Verbände und den Bauernstand. Der ehemalige Regierungsrat Christian Wanner erfüllt dieses Anforderungsprofil. Wer massgebend dazu beiträgt, dass für ein Behindertenheim sechs Millionen Franken zusammenkommen, der sollte auch den gordischen Inseli-Knoten lösen können. Christian Wanner dürfte bereitstehen. Man muss ihn bloss anrufen.