Wir sind etwas gar langsam geworden, dachte ich mir, als ich das Telefonbuch von Addis Abeba durchblätterte. Es ist nicht dicker als die letzte gedruckte Ausgabe Solothurns, dabei ist die ostafrikanische Metropole eine Millionenstadt. Der Festnetzanschluss wurde hier gleich übersprungen. Jeder hat ein Handy. Als ich vor sieben Jahren erstmals hier war, gab es in der ganzen äthiopischen Hauptstadt nicht mehr Bancomaten als am Solothurner Hauptbahnhof. Touristen mussten ins Hilton-Hotel fahren, um Geld abheben zu können. (Ein Ramada-Hotel gibt es übrigens wie in Solothurn auch, es heisst gar noch so.) Inzwischen stehen an jeder Ecke mehr Bancomaten, als Solothurn Brücken hat.

Daneben schiessen spiegelverglaste Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden. Etwa so lange wie in Solothurn über die Umgestaltung von Postplatz und Wengibrücke-Achse diskutiert wird, dauerte es hier, bis die Stadtregierung ein Hochtrassee-Tram quer durch die Riesenstadt gezogen hat. Gleichzeitig ist die achtspurige Hauptverkehrsachse durch das Stadtzentrum mit riesigen unterirdischen Kreiseln an den Kreuzungen ergänzt worden. (Fussgänger können trotzdem immer über die Strasse laufen, Rotlicht gibt es nicht.)

Das Solothurner Krone-Inventar mag als Retro-Kitsch in einem chinesischen Hotel gelandet sein. Hier, in der äthiopischen Hauptstadt bauen die Chinesen dagegen echte Hotels, Strassen, riesige Konferenzzentren. Wer hier mit Infrastrukturinvestitionen den Ton angibt, bemerkt auch der ahnungslose Stadtbummler. Vor wenigen Jahren wurden weisse Touristen auf der Strasse noch «farangji» (Fremde, gemeint waren weisse Europäer) gerufen. Heute schreien alle Kinder «China, China, China», wenn sie einen Weissen sehen.

In Solothurn weiss ich, was wo ist und vielleicht gar, wen ich auf der Strasse antreffen könnte. Hier weiss ich nicht, ob der Laden, in dem ich gerade einkaufe, in ein paar Monaten noch da ist. Leute wandern aus, machen etwas anderes. Die meisten Geschäfte findet man eh nur über Mund-Propaganda. Vieles ist informeller, verkauft wird gerade Alltagsware von flinken Händlern direkt auf der Strasse.

Der öffentliche Raum lebt viel mehr; ohne soziokulturelle Animation. Und dabei gibt es eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Muslima mit Kopftuch und hautengem Rock läuft neben dem Schafhirten, der barfuss seine Herde durch das Stadtzentrum treibt. Neben Glaspalästen sind illegale Wellblech-Buden errichtet worden. Der reiche und erfolgreiche SUV-Fahrer braust neben Rollstuhlfahrern durch, die auf der Hauptstrasse den Schlaglöchern ausweichen. In grossen Garetten verkaufen junge Männer Früchte, neben traditionell gekleideten Frauen, die in ihren weissen Umhängen vor den orthodoxen Kirchen beten. Daneben klingelt irgendwo das neuste iPhone.

Nun, klar. Als Journalist könnte ich hier nicht frei arbeiten. Der Stadtpräsident von Addis Abeba hatte im Gegensatz zu Kurt Fluri nie Konkurrenz zu fürchten, als er gewählt wurde. Im Internet zu surfen, fühlt sich etwa so an, als ob man das Bipperlisi auf die TGV-Strecke schicken würde. Wenn es regnet, wird die Strasse zur grossen Pfütze. Natürlich sind wir auch langsamer, weil wir Strukturen haben. Viele Leute leben hier in Armut. Schulbildung? Längst nicht für alle Kinder selbstverständlich. Nahrung muss importiert werden.

Staatliche Auffangnetze gibt es nicht: Wer hier keinen Job hat, muss von der Familie unterstützt werden – oder er lebt und bettelt auf der Strasse. Die landwirtschaftliche Produktion ist von der Moderne noch abgehängt; Ochs und Pferd sind vielerorts Arbeitstiere. Das Gesundheitssystem ist unfair und ineffizient. Nur eben. Nichts bleibt, wie es ist. Es geht schnell vorwärts.

Wo ich lieber lebe? Keine Frage. Wir sollten einfach nicht vergessen: Alles kann anders sein. Auch in Solothurn. Positiv wie negativ.