Wagabunten

Auf Kulanz folgt Konfrontation

Die Wagabunten müssten das Gelände bis am 11. April räumen.

Die Wagabunten müssten das Gelände bis am 11. April räumen.

Die Bewohner des Wagenplatzes reagieren auf Kurt Fluris Räumungsansage. Sie gehen nicht auf das Ultimatum ein und suchen das Gespräch.

In den vergangenen Jahren gab es in in Sachen «Wagabunten» mehr als einmal Grund, um über Kurt Fluri erstaunt zu sein. Er, der die Möglichkeiten für ein autonomes Jugendzentrum in Abrede gestellt hatte, zeigte plötzlich für eine andere Gruppe Kulanz: Bei fünf jungen Menschen drückte er ein Auge zu, obwohl sie – zwar anständig und ordnungsbewusst, aber illegal – Stadtboden in Beschlag nahmen. Dass die «Wagabunten» damals wie heute unter der juristischen Radarhöhe flogen, liess er gewähren, Er trat gar in Dialog mit den «Dorfbewohnern».

Nach dieser Vorgeschichte mag man sich über die plötzliche Kehrtwende des Stadtpräsidiums wundern. Steht doch das Wagendörfli friedlich in einer Ecke Solothurns, wo es kaum jemanden stört. Störend ist aber die Haltung, die aus den Reihen der Kommune zu hören ist: «Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie Herr Fluri unser Zuhause diktiert.» Wie bitte? Der Boden, den die «Wagabunten» derzeit ihr «Zuhause» nennen, ist Stadtbesitz. Bekanntlich befiehlt, wer auch zahlt. Selbst wenn der Wagenplatz ausser Sicht- und Hörweite der meisten Solothurner Mieter und Hypothekarschuldner ist, strapaziert diese Haltung den Gerechtigkeitssinn. Abgesehen davon, dass Fluris Kulanz die «Wagabunten» bis jetzt davor geschützt hat, ihre Wohnnutzung baurechtlich verteidigen zu müssen. Ein Privileg, das man nun mit offener Konfrontation verdankt. Und alles, was Fluri freundlicherweise an Handlungsspielraum offenlässt, wird uneingeschränkt ausgereizt: Der Wagenplatz dürfe wachsen. Denn etwas Gegenteiliges sei nie Bestandteil der Abmachungen gewesen.

Dass die «Wagabunten» mit idealistischem Feuer bestehende Wohnformen hinterfragen und neue erproben, ist legitim. Dass sie sich mit dem jüngsten Signal auf politischer Ebene wirklich Sympathiepunkte holen, ist hingegen fraglich. Die Gunst der Politik wäre aber wichtig: Die Ortsplanungsrevision, die mittelfristig ansteht, hat das Potenzial, neue alternative Wohnformen zu ermöglichen – oder aber abzuwürgen.

andreas.kaufmann@azmedien.ch

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