Am Nationalfeiertag wurden hierzulande landauf und landab wieder zünftig Reden geschwungen. Es gab eine Zeit, als ich mich für solche Ansprachen auch einspannen liess. Dabei versuchte ich jeweils nicht nur die Erwartungen euphorischer Eidgenossen zu befriedigen, sondern auch die Anliegen staatsverdrossener Bürger zu berücksichtigen. Es ging mir dabei um realitätsbezogene Redlichkeit und Glaubwürdigkeit – auch gegenüber mir selbst. Denn im Publikum erkannte ich stets mir bekannte Gesichter und dahinter versteckte Erwartungen an mich.

Mit den Jahren wurde es immer schwieriger über Gemeinsinn und Solidarität, Chancengleichheit und Volksdemokratie so zu reden, dass es dem Gros des 1.-August-Publikums gefiel. Das soll zwar nicht das primäre Ziel einer 1.-August-Rede sein. Doch etwas Balsam für die Volksseele gehört einfach zu einem Nationalfeiertag. Weil es immer schwieriger wurde, den richtigen Balsam zu mischen, verzichtete ich mit der Zeit darauf, mich als 1.-August-Redner zur Verfügung zu stellen.

Doch es belastet mich zu verfolgen, wie die Schweiz zusehends auseinanderdriftet: Jung gegen Alt, Stadt gegen Land, Arm gegen Reich, Frau gegen Mann. Alles könnte auch umgekehrt formuliert werden. Und so weiter. Unverkennbar ist: Das Trennende scheint über dem Gemeinsamen zu stehen. Dagegen muss man die Stimme erheben. Vielleicht sollte ich es doch wieder einmal mit einer Rede an einem 1. August versuchen.

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