Fast jeder hat ihn schon besucht, den Solothurner Hausberg Weissenstein. Und jeder und jede, der oder die oben war, hat garantiert ein Rezept, was man dort droben alles ganz anders, besser und schöner machen müsste. Die neuen Besitzer des Kurhauses – ein Davoser Hotelierehepaar, ein Zuger Generalbauunternehmer und ein Tourismusexperte aus dem Berner Oberland – werden deshalb in den nächsten Wochen und Monaten vor allem eine Erfahrung machen: Dass sie mit guten Ratschlägen, hohen Erwartungen und – widersprüchlichen – Forderungen bezüglich der künftigen Nutzung, Ausgestaltung und der erwünschten Angebote eingedeckt werden.

Der Nachholbedarf ist riesig

Am Donnerstag haben die neuen Besitzer im Kurhaus Weissenstein erstmals über ihre Pläne informiert. Sie blieben dabei allerdings noch sehr, sehr vage. Mehr Details stellten sie für den kommenden Sommer in Aussicht. Was die Eigentümerschaft immerhin schon einmal klar machte: Es gibt hier weder eine Privatklinik noch einen exklusiven Wellness-Tempel auf dem Berg . Es soll bei einem «Kurhaus für alle» bleiben. Bei einem «bodenständigen Haus», in dem sich Wanderer und Ausflügler ebenso wohl fühlen sollen, wie Hochzeitgesellschaften und Seminarteilnehmer, aber auch Gäste, die Feines aus Küche und Keller geniessen möchten. Etwas anderes würde insbesondere die Regionsbevölkerung wohl auch nur schwerlich akzeptieren, denn der Weissenstein und sein Kurhaus «gehören» nun einmal allen. Man stelle sich nur einmal vor, wenn das Haus auf «Schicki-Micki» getrimmt werden würde und «normale» Berggänger dort nicht mehr willkommen wären …

Allerdings: Dieses Vollprogramm – das «Kurhaus für alle» – fordert auch den künftigen Betreibern einen gehörigen Spagat ab. Einen Spagat, um den sich schon etliche Vorgänger bemüht hatten – mit manchmal mehr und meist weniger Erfolg. So oder so sind jedenfalls gehörige Investitionen in die Gebäude nötig. Die neuen Besitzer erklärten am Donnerstag Absicht und Willen, «einen zweistelligen Millionenbetrag» ins Kurhaus zu stecken. Dies wird auch nötig sein, denn der Nachholbedarf ist gewaltig – mit Kosmetik ist es längst nicht mehr getan. Wie in dieser Zeitung diese Woche aufgezeigt, gilt dies auch aber längst nicht nur für den maroden Ostflügel, der seit Jahrzehnten brach liegt. Die optimistischen neuen Besitzer verdienen eine Chance – und die ganze Region hofft, dass sie sie packen können.

Das Kurhaus ist jedoch nur ein Teil des «Gesamtkunstwerks Weissenstein». Tatsache ist, dass die verschiedensten Akteure am und auf dem Berg eine eigentliche Schicksalsgemeinschaft bilden: das Kurhaus, die Berggasthöfe, die Seilbahn Weissenstein, die SBB mit der Moutier-Bahnstrecke, die Region Solothurn Tourismus und noch weitere mehr.

Allerdings haben in der Vergangenheit einige dieser Player mehr oder weniger ein Eigenleben geführt. Und es ist ein offenes Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen Exponenten der Seilbahn und jenen der Regiobank (der bisherigen Kurhausbesitzerin) ein angespanntes war. Ärgerlich genug, dass nun eine top-moderne Gondelbahn in Betrieb steht, während bald einmal in Teilen des Kurhauses die Bauarbeiter und Handwerker den Ton angeben werden.

Alle gehören an einen Tisch

Umso wichtiger ist die Botschaft der neuen Besitzer, dass sie mit allen anderen Akteuren auf dem Berg zusammenarbeiten wollen. Genau dies ist ein zwingendes Erfordernis im Interesse aller. Denn auf dem Berg sitzen alle in einem Boot – drum müssten endlich auch alle gemeinsam in die gleiche Richtung rudern. Wenn der Aufbruch zu neuen Gipfeln Erfolg haben soll, dann braucht es – mehr als nur den vollen Einsatz aller Mitspieler in ihren angestammten Bereichen: Es braucht eine enge, offene Zusammenarbeit, gemeinsame Angebotspakete, ein koordiniertes Marketingkonzept und vieles mehr. Entsprechende Absprachen und Planungen können nicht auf sich warten lassen, sondern gehören schnell angepackt. Und sei es nur schon, dass im Bereich der Station Oberdorf die Schnittstellen zwischen SBB und Gondelbahn endlich kundenfreundlich organisiert werden.

Der gegenseitige Absprache- und Informationsbedarf ist riesig. Deshalb muss der Austausch permanent erfolgen – vielleicht sogar institutionalisiert. Warum nicht an einem gemeinsamen «Runden Tisch», der die Akteure periodisch zusammenführt? An einen Tisch, an den sich zum Beispiel durchaus auch Vertreter der Stadt und der kantonalen Wirtschaftsförderung setzen könnten, ja, müssten. Abwarten und Tee trinken
war gestern. Jetzt ist Handeln gefragt:

Wer ergreift die Initiative?