Wochenkommentar

Was wir Ivo Bracher ganz sicher nicht wünschen

Ein Paradebeispiel, wie unterschiedlich unternehmerische und politische Prozesse funktionieren: Ivo Bracher – hier hinter einem früheren Wasserstadtmodell – treibt seit zehn Jahren das Projekt voran.Archiv Hanspeter Bärtschi

Ein Paradebeispiel, wie unterschiedlich unternehmerische und politische Prozesse funktionieren: Ivo Bracher – hier hinter einem früheren Wasserstadtmodell – treibt seit zehn Jahren das Projekt voran.Archiv Hanspeter Bärtschi

Der Wochenkommentar von SZ-Chefredaktor Theodor Eckert zur Wasserstadt, die im Solothurner Gemeinderat die Gemüter bewegte.

Die Windböen vor Wochenfrist haben bei der Solothurner Badi das imposante Werbeplakat für die Wasserstadt kurzerhand flachgelegt. Ein schlechtes Omen? Von wegen: Den daueroptimistischen Initiator und Impulsgeber Ivo Bracher weht nicht gleich jedes Lüftchen um und damit sein Prestigeprojekt auf dem verflixten Solothurner Stadtmist ebenso wenig.

Dass vor den Toren der schönsten Barockstadt des Landes üble Abfälle mit giftigen Rückständen im Boden dahinmodern, deren Säfte dorthin sickern, wo sie nicht sollten, ist allgemein bekannt. Doch so richtig im Dreck wühlen mochte bisher niemand, schliesslich sieht, hört und riecht man beim Spaziergang übers offene Feld nichts. Nur: Aus den Augen, aus dem Sinn – das war gestern. Klar ist, das Zeugs muss weg.

Zum Glück hat ab und zu noch jemand eine Vision

Ivo Bracher ist zwar von Haus aus ein den vorgegebenen Regeln und Buchstaben verpflichteter Jurist, der einer Immobiliengesellschaft vorsteht, doch er hat sich auch als Mr. Sovision einen Namen gemacht. Die Image- und Standortförderung der Region steht bei diesem Verein zuoberst auf der Traktandenliste. Im Namen ist das Visionäre allerdings kaum zufällig enthalten. Wer mit Bracher spricht, spürt schnell einmal, dass er gedanklich nicht in engen Grenzen verharrt oder sie sonst sprengt. Nicht alltägliche Projekte sind Herausforderungen für ihn. Noch ist die spektakuläre Wasserstadt ein Papiertiger. Bestimmt schon viel zu lange für einen wie Bracher. Seit zehn Jahren wälzt der 57er (Jahrgang und Alter) die gewagte Idee, einen verseuchten Landflecken in Gewässernähe zu sanieren, um ihn danach in ein verlockendes Wohngebiet zu verwandeln. Eigentlich fantastisch. Zu fantastisch?

Reden wir doch gutschweizerisch zuerst vom Geld. Eine exakte Buchhaltung mit Soll und Haben ist derzeit unmöglich, es existieren schlichtweg zu viele Unbekannte. Immerhin: Als happiger Aufwand fällt die Sondermüllentsorgung ins Gewicht. Die Schätzungen reichen von hohen zweistelligen, bis stolzen dreistelligen Millionensummen. Letzteres dürfte realistischer sein. Bund, Kanton und Stadt
ächzen. Wer bezahlt? Und wie viel? Antwort offen. Wer kassiert? Es wären zumindest alle drei. Direkt oder indirekt. Bracher schwärmt mit schöner Regelmässigkeit von mehreren hundert ausserkantonalen, gut betuchten Interessenten. Wenn da unseren Steuereintreibern nicht die Freudentränen kommen. Vorausgesetzt natürlich, dass Interessezeigen mit unterschriftsbereit gleichzusetzen ist. Visionär betrachtet könnte man zum Schluss kommen, dass diese Rechnung positiv abschliesst.

Nur so nebenbei: In unserer heutigen Ausgabe lernen wir, dass der Kanton Solothurn praktisch keine vermögenden Ausländer aufweist, weil wir nichts Spektakuläres zu bieten haben. Dank der Wasserstadt würde sich das möglicherweise ändern und wir könnten in Sachen Pauschalbesteuerung endlich mitreden.

Ohne Nerven wie Drahtseile hat man schon verloren

Noch längst nicht gemacht ist die Rechnung mit Ämtern, Verbänden und Schützern aller Art. Ein futuristisch-komplexes Projekt wie Kleinvenedig im Schweizer Mittelland zieht Stolpersteine an wie Mist die Fliegen. Übrigens: Der Bauernhof vor Ort zum Beispiel dürfte nicht das grösste Problem sein. Wie sagte doch diese Woche ein Unternehmer der Metallbranche (auch einer, der etwas unternimmt und nicht bloss verwaltet), manchmal würde er wirklich lieber in Frankreich tätig sein als hier. Er habe sich wieder einmal zünftig ob der absurd überbordenden Reglementitis sowie all den Kleingeistern in Politik und Verwaltung ärgern müssen. Man sollte ihn mit Ivo Bracher zusammenbringen, an Gesprächsstoff würde es den beiden bestimmt nicht mangeln. Bracher geht derweil unbeirrt seinen Weg: Rückschläge steckt er weg, Zwischenhalte nutzt er, um neuen Optimismus zu tanken, Prognosen von Zweiflern lassen ihn kalt. Er glaubt an eine gesäuberte Ambassadorenstadt samt einer aussergewöhnlichen Wassersiedlung.

Was wir Bracher nicht wünschen: Dass er, als Pensionär im November 2024 in der Wasserstadt Agglolac bei Biel zu Hause ist und auf dem Sitzplatz täglich sein schubladisiertes Solothurner Holzmodell betrachten muss.

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