Wochenkommentar

Von der Strahlkraft der Solothurner Filmtage

Blick auf die Reithalle

Blick auf die Reithalle

Wochenkommentar über die Solothurner Filmtage und ihr Gesamtpaket.

Wer die Geschichte der Solothurner Filmtage kennt, kennt die Schweiz», sagte Bundesrat Alain Berset an seiner Eröffnungsansprache zu den 50. Filmtagen. Die Filme, die hier in den vergangenen 49 Jahren gezeigt worden sind, seien ein Abbild der jüngeren Geschichte der Schweiz; «ein Seismograf unserer Befindlichkeit». Die Solothurner Filmtage sind also letztlich eine Begegnung mit uns selber – das sei das grosse Verdienst dieses Anlasses, so Berset. Tatsächlich sind die Schweizer Filme, die in Solothurn gezeigt werden, Ausdruck des Lebens in diesem Land. Oft gescholten, wie das Land selbst: langweilig, schwerfällig, überflüssig. Doch sind dieses Land und seine Filme nicht auch spannend, leichtfüssig und nötig? Unterhält man sich mit Publikum und Filmern in Solothurn wird klar: Es braucht diese Tage des Schweizer Films irgendwo in diesem Land. Man will Nähe, Auseinandersetzung und Tuchfühlung mit der siebten Kunst.

Und wo wäre das besser verortet als in Solothurn. Es ist keine Überraschung, dass die Filmschau auch mit ihrer 50. Ausgabe noch immer in der Ambassadorenstadt zu Hause ist. Eine der Erklärungen, die am Jubiläumsfest genannt wurden, gefällig? Filmclubs und –gilden gab es in den Sechzigerjahren in so mancher Schweizer Stadt. Doch nur bis nach Solothurn kamen damals die welschen Filmschaffenden, die zu jener Zeit massgebend waren. Nie hätte ein junger Godard oder Yersin Lust verspürt, Richtung Deutschschweiz seine Filme zu zeigen und darüber zu diskutieren. Doch bis nach Soleure kamen sie, denn hier sprach man Französisch mit ihnen.

Doch es ist sicher nicht nur diese Anekdote, die Solothurns Erfolgsrezept so lange köchelt. Insbesondere in der heutigen Zeit, wo Kinos, um Zuschauer in die Säle zu locken, zusätzlich noch ein wahres Wellness-Programm bieten müssen, erstaunt es doch, dass rund 67 000 Eintritte gezählt wurden und die Besucher auf teilweise sperrig-unbequemen Sitzen stundenlang Platz nehmen. Es muss eben das Gesamtpaket sein, das für Solothurn spricht. «Wellness» bedeutet hier ein Rundgang durch die Altstadt, ein Besuch in einer Beiz oder Bar, das Zusammensein und Diskutieren mit anderen Filmbegeisterten, die Nähe zu Regisseuren oder Schauspielern. Das alles macht eben nicht nur Solothurn, sondern auch den Schweizer Film aus. Das alles ist organisch gewachsen, hat Wurzeln. In diesem Jahr war auch spürbar mitzuerleben, wie gerade das jüngere Publikum diese Wurzeln schätzt.

Alles schön und gut. Doch warum springt jetzt wieder einer der Hauptsponsoren nach elf Jahren Engagement ab? Das sei doch schon eine lange Zeit, wird vonseiten der Marketingleute argumentiert. Das mag stimmen, doch fragt man sich schon, welche Zielsetzungen die Sponsor-Verantwortlichen mit einem kulturellen Engagement verfolgen? Roter Teppich? Mehr Glamour? Ein See in der Nähe? Sommer? Um da nicht in Bedrängnis zu kommen, müssen sich die Solothurner Filmtage Gedanken machen. Eine Variante: die Verleihung des Schweizer Filmpreises wieder in die Aare-Stadt zu holen; denn hier gehört dieser Event auch hin. Er sollte nicht isoliert, irgendwo in der Schweiz, stattfinden. In Solothurn wäre er auch (wieder) möglich, denn unter Seraina Rohrer sind die Filmtage dynamischer, moderner, urbaner geworden und haben doch ihre Ursprünglichkeit und Authentizität nicht verloren.

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