Wochenkommentar

Und führe sie erst gar nicht in Versuchung

Der Wochenkommentar von SZ-Chefredaktor Theodor Eckert zu Kratzern am Volkswirtschaftsdepartement.

Das kommt einer journalistischen Gesetzmässigkeit gleich, die zuweilen bewusst bemüht wird: Schlage kräftig einen Pflock in den Boden und die Maulwürfe kriechen aus ihren Löchern. So geschehen mit unserem ersten Artikel zur umstrittenen Vergabepraxis im Solothurner Amt für Wirtschaft und Arbeit AWA. Das Millionengeschäft gab schon länger zu reden. Zumindest hinter vorgehaltener Hand. Wie so oft bei derartigen Geschichten mochte bisher niemand mit Namen hin stehen und Fakten auf den Tisch legen. Aus naheliegenden Gründen sind es in der Regel Insider, die mehr wissen. Zu viel wissen. Wer jedoch Sand in ein von oben abgesegnetes, wohlgeschmiertes Getriebe schüttet, riskiert schnell einmal seine Anstellung. Verständlich also, wenn Hinweise aus einer gewissen Deckung heraus erfolgen.

Und weitere Informationen kamen nach der Publikation von Teil 1 des AWA-Falls nicht ganz unerwartet hinzu. Die Reaktionen setzten auch unmittelbar ein: «Da habt ihr in ein ordentliches Wespennest gestochen» oder «das war schon lange fällig» bis «unkontrollierte, selbstherrliche Organisation» lauteten die zuweilen bissigen Zuschriften. Weitere forderten dazu auf, dieser und jener Person noch etwas genauer auf die Finger zu schauen. Schliesslich lieferte diese Woche Teil 2 weitere Stellungnahmen zum begehrten Geschäft mit der Integration von Stellensuchenden in den Arbeitsmarkt. Einigkeit herrschte lediglich beim Ziel der Bemühungen, nicht aber was den Weg dazu anbelangt.

Selbst in Amtsstuben läuft nicht immer alles rund

Apropos Maulwürfe: Weitere vermeintliche bis wahrscheinlich vorhandene kleinere bis grössere Missstände wurden uns zugetragen. Nicht allein auf das AWA beschränkt. Darunter eine krass anmutende Verfehlung, die geradezu nach Konsequenzen schreit – wenn sie tatsächlich in allen Punkten den Tatsachen entspricht. In diesem Zusammenhang gilt es festzuhalten, dass Medien keine Anlaufstelle für Ankläger sind, die sich in völliger Anonymität bewegen. Dass Informanten geschützt werden, ist selbstverständlich, aber im gänzlich luftleeren Raum zu recherchieren wird nie zielführend sein.

Was Hinweise zuhanden der «Vierten Gewalt» anbelangt: Am Volkswirtschaftsdepartement unseres Kantons geht dieser Kelch auffällig seltener vorbei als an anderen Direktionen. Die jüngsten Fälle bestätigen den Trend. Zufall oder nicht? Ein langjähriger Kantonsrat, heute aufmerksamer Beobachter, erklärt es sich nicht zuletzt mit der Zusammensetzung des Departements: Zu dem dieser Tage angeschossenen AWA kommen zum Beispiel Wald, Jagd und Fischerei, die Landwirtschaft oder das Militär dazu. Da müsse das jeweilige Regierungsmitglied bei Amtschefs mit ausgeprägten Autonomiegelüsten aufpassen, dass ihm nicht die Rolle des Grüssaugust’s übrig bleibe. Und ein Parteifreund der gegenwärtigen freisinnigen Departements-Chefin meint im Gespräch trocken: Ausgezeichnete Dossierkenntnisse und eine nicht allzu lange Führungsleine hätten noch nie geschadet. Das gelte besonders in der ersten Amtszeit, schade aber auch in einer letzten nicht. Nein, er spiele damit nicht auf eine bestimmte Person an, das sei ganz einfach seine Maxime. Sagt einer mit viel Führungserfahrung, zwar nicht im Politbetrieb, dafür in einem Grosskonzern.

Balance finden zwischen Kontrolle und Vertrauen

Wie sagt doch der Volksmund so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das soll kein Plädoyer für ein übertriebenes Überwachungsgehabe sein. Gekonntes Delegieren fördert auch beim Kanton das Betriebsklima und motiviert verantwortungsvolle Mitarbeiter.

Wenn jedoch hohe staatliche Summen ins Spiel kommen, sind Leitplanken ein Muss, sollten von Anfang an glasklare und nicht verhandelbare Regeln gelten – damit böse Zungen nicht sagen können: Und führe sie nicht in Versuchung.

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