Auftritte bei Firmenveranstaltungen, bei Preisverleihungen und vor allem bei der traditionellen Verabschiedung von Soldaten aus der Wehrpflicht: All dies trägt dazu bei, dass der Solothurner Volkswirtschaftsdirektor schon mal despektierlich als Grüssaugust der Regierung bezeichnet wird. Tatsächlich ist das Volkswirtschaftsdepartement eine Art Gemischtwarenladen: Nebst der Volkswirtschaft – von A wie Ackerbau bis zu W wie Wald und Wirtschaftsförderung – gehört auch der Bereich Militär und Bevölkerungsschutz dazu.

Alles in allem primär Aufgabengebiete, in denen Bundesvorgaben umzusetzen sind. Der eigene Gestaltungsspielraum ist entsprechend gering. Viel falsch machen kann man deshalb eigentlich nicht. Für die derzeitige Volkswirtschaftsdirektorin Esther Gassler gilt dies allerdings nicht uneingeschränkt. Ein Rückblick auf ihre mittlerweile zehnjährige Regierungszeit lässt vermuten, dass sie in ihrem Departement wohl mit etwas gar langen Leinen führt und führen lässt. Frühere Fälle, wie der «Selbstbedienungsladen» im Amt für Militär und Bevölkerungsschutz oder das 300 000 Franken teure Scheitern der Neuregelung der kantonalen Stiftungsaufsicht, hinterlassen einen schalen Nachgeschmack. Ebenso wie die – rechtlich korrekte, aber politisch mehr als fragwürdige – Vergabepraxis bei Millionenaufträgen, die jüngst im Amt für Wirtschaft und Arbeit aufgedeckt worden ist. Entsprechend kritische Fragen zu letzterem Geschäft – notabene aus Gasslers eigener freisinniger Fraktion im Kantonsrat – wurden diese Woche in der Regierungsantwort wortreich verwedelt.

Vermisst wird der «Einsatz bis zum Letzten»

All dies hat die Volkswirtschaftsdirektorin bisher ohne persönlichen politischen Schaden überstanden. Ebenso, dass in den letzten Jahren ihre «Öffentlichkeitsarbeit» bei Firmenschliessungen und Entlassungen – zum Beispiel bei Fällen wie «Papieri» oder Bosch/Scintilla – wiederholt zu Kritik Anlass gegeben hat. Zwar betont Gassler jeweils mit Recht, dass die Politik in der Wirtschaft letztlich nichts zu melden habe. Doch bei dem, was Gassler trotzdem tun könnte und auch tatsächlich tut, vermisst man das gewisse Etwas an persönlicher Anteilnahme, den «Einsatz bis zum Letzten».

Der am Donnerstag bekannt gegebene Entscheid der Nationalbank, die Verteidigung des Euro-Mindestkurses aufzugeben, wird für die Solothurner Wirtschaft nicht ohne Folgen bleiben. Handelskammer-Direktor Daniel Probst hat im Interview mit dieser Zeitung gestern auf die riesigen Herausforderungen verwiesen, vor die sich besonders die hier stark vertretene Exportindustrie gestellt sieht. Wenn es tatsächlich so schlimm kommt, wie derzeit viele befürchten, wird auch Esther Gassler gefordert sein. Ihr wie uns ist zu wünschen, dass sie dann nicht zu oft beweisen muss, dass ihr Job weit mehr ist als der eines Grüssaugusts.