Auch in Situationen, in denen man das kaum erwartet. Dieses amerikanische «I like you», wenn man jemanden gerade erst getroffen hat, scheint in manchen Fällen oberflächlich. Weitaus häufiger entstammt es aber wohl dem Umstand, dass man hier gerne und viel über sich selbst erzählt. Man ist gesellig, macht es anderen leicht, sich mit einem verbunden zu fühlen.

Kommt dazu, dass die Menschen bei der Zurschaustellung ihrer Zuneigung wenig zurückhaltend sind. Meine Mitbewohnerin Amelia hat neulich bei einem Essen mit Freunden eine Rede geschwungen, wie toll sie mich finde. Nun, sie war etwas angesäuselt. Aber ich schweife ab.

Vergangene Woche wurde mein Velo geklaut. Das ist bei weitem nicht das Kriminellste, das mir vergangene Woche widerfahren ist, aber beginnen wir mit dem Diebstahl. Das war so: Ich kam mit meinem Kumpel Kevin gerade von einem Konzert an einem zugegebenermassen nicht sehr familienfreundlichen Abschnitt der Kapiolani Avenue, als ich beim Veloständer feststellen musste, dass da kein Rad mit auffallend leuchtgrünem Rahmen mehr stand. Mein geliebtes Fixie war geklaut. Kevin hatte sein Velo noch, begleitete mich aber zu Fuss, als ich mit gedämpfter Stimmung den Heimweg antrat.

Nach fünf Minuten sahen wir ein junges Paar mit einem grünen Bike am Strassenrand stehen. «Wollt ihr ein Velo kaufen?», fragten sie. Ich antwortete, dass sich das gut treffe. Ich bräuchte ein Velo, weil mir meines, das übrigens genauso aussehe wie ihres, unlängst gestohlen worden sei. Ich habe das Velo schnell und unkompliziert zurückgekriegt.

Zwei Tage später sitze ich am Al-Wai-Kanal, der die Stadt von Waikiki trennt, als sich ein junger Kerl zu mir gesellt. Von seinem Studium der Rechtswissenschaft erzählt er mir, und dass er von den Philippinen stamme. Wir plaudern wohl eine Stunde, er über sein Leben, ich über meines, und ich ahne nichts Böses, als er plötzlich mit einem unbekümmerten Lächeln sagt: «Weisst du, ich wollte dich eigentlich ausrauben, aber ich mag dich.»

Eher verwundert als schockiert schaue ich zu, wie er eine grosse, schwarze Handfeuerwaffe aus seinem Rucksack zieht und sogleich wieder einsteckt. Ich gehe davon aus, dass sie echt ist, aber was weiss ich von Waffen? «Keine Sorge, ich werde dich nicht ausrauben», beteuert er. Ich nicke, kann mir ein nervöses Lachen nicht verkneifen und bedanke mich für diese freundschaftliche Geste. Was soll man da noch sagen?

Er begleitet mich anschliessend zum nächsten Taxi, denn der Abend ist weit fortgeschritten und er will sich vergewissern, dass ich sicher nach Hause komme. Das Traurige ist: Ich erinnere mich nicht einmal mehr an seinen Namen. Aber eine nette Unterhaltung war es allemal.

* Christoph Neuenschwander befindet sich zurzeit zu Studienzwecken im 50. Staat der USA mitten im Pazifik. Seine Grüsse in die Heimat verbindet er mit Erlebnisberichten aus Solothurns «Schwesterdestination» Honolulu.