Wochenkommentar

Jeder Nadelstich trifft den Nerv

Die Arbeitslosigkeit rangiert im Sorgenbarometer stets zuoberst, unabhängig davon, ob Hochkonjunktur oder Rezession herrscht.

Die Arbeitslosigkeit rangiert im Sorgenbarometer stets zuoberst, unabhängig davon, ob Hochkonjunktur oder Rezession herrscht.

Arbeitslos. Das ist ein Zustand, den wir alle fürchten.

Arbeitslos. Das ist ein Zustand, den wir alle fürchten. Wohl nur die Gesundheit wird noch als höheres Gut eingeschätzt. Wir definieren uns über den Job, unabhängig von der Funktion – ob Manager, Bankanalyst, Lehrer, Mechaniker oder Hilfskraft.

Wer etwas anderes behauptet, kennt die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, oder das Gefühl, keine Arbeit zu haben, nicht. Deshalb rangiert die Arbeitslosigkeit im Sorgenbarometer stets zuoberst, unabhängig davon, ob Hochkonjunktur oder Rezession herrscht.

Also steht der Arbeitsmarkt aktuell im Fokus. Dabei zeigt die Arbeitslosenstatistik gar kein so schlechtes Bild. Auch wenn die Aussagekraft des Zahlenkranzes umstritten ist: Werden Daten immer gleich «falsch» erhoben, ist dennoch eine Entwicklung ablesbar.

Seit dem Währungsschock im Januar ist im Kanton Solothurn die Anzahl der Menschen ohne Arbeit nur marginal gestiegen. Das bedeutet, dass die Unternehmen die Herausforderung starker Franken nicht nur angenommen, sondern auch beeindruckend gemeistert haben – bis zum jetzigen Zeitpunkt wenigstens.

Das führt dazu, dass der Arbeitsmarkt aufnahmefähig bleibt. Die Aussage «Einmal arbeitslos – immer arbeitslos» trifft nicht zu.

Ungemütliche Entwicklung

Beim genauen Hinsehen allerdings sind Sorgenfalten angebracht, ja, es wird ungemütlich. Seit Oktober 2014 hat die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn nämlich um über 18 Prozent zugenommen. So viel wie in keinem anderen Kanton.

Das hängt in erster Linie mit der Wirtschaftsstruktur zusammen. Solothurn war, ist und bleibt ein Produktionskanton. Die unzähligen Firmen, die Hochpräzisionsteile bohren, fräsen schleifen oder Maschinen und Werkzeuge bauen und damit als Zulieferer, Ausrüster oder Produktlieferanten agieren, sind vom Weltmarkt abhängig.

Wenn sich dort die Entwicklung abschwächt oder nicht vom Fleck kommt, haben diese Solothurner Firmen ein Absatzproblem. Und wenn mit dem starken Franken die Kostenbasis zu hoch wird, gesellt sich ein Ertragsproblem hinzu.

Eine jüngst publizierte Umfrage unter Schweizer Firmen der Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie widerspiegelt dieses Bild genau: Über 90 Prozent der Unternehmen rechnen mit einem Umsatzrückgang, 40 Prozent rechnen mit einem Betriebsverlust.

Und dass ein Industriekanton wie Solothurn besonders leidet, bestätigt die landesweite Aufschlüsselung der Statistik nach Wirtschaftszweigen. Exakt in den Solothurner Schlüsselbranchen ist die Arbeitslosigkeit innert Jahresfrist zwischen 22 und 33 Prozent gestiegen.

Nicht nur Tradition verschwindet

Wie aufgezeigt, ist es für Betroffene nicht unmöglich, ausserhalb der Traditionsindustrie wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Was spricht also gegen einen Strukturwandel?

Eigentlich nichts, ausser dass in diesem Fall eben nicht nur Traditionsfirmen verschwinden, sondern auch Forschung, Entwicklung, die möglichst nahe an der Produktion angesiedelt sind. Es geht zudem unersetzbares Wissen der Fachkräfte verloren, was letztlich auch andere Branchen schwächen wird.

Unschön ist zudem, dass derzeit ein ungesunder Wandel stattfindet. An sich wettbewerbsfähige, innovative und gesunde Firmen müssen Stellen streichen oder ins Ausland auslagern, nicht weil sie schlecht sind, sondern wegen der starken Währung.

Was auf den Arbeitsmarkt Solothurn zukommen wird, ist ungewiss. Der Stellenabbau wird weitergehen, wenn auch weniger in Form von Massenentlassungen als in kleinen Schritten.

Diese Nadelstiche treffen den Nerv der Betroffenen trotzdem mit aller Härte. Auch Verlagerungen von Produktionsprozessen mit wenig Wertschöpfung ins Ausland sind kaum zu vermeiden.

Dazu ist zu sagen, dass eine Teilverlagerung immer noch besser ist, als wenn der Betrieb letztlich ganz untergehen wird.

Allgemeingültige Patentrezepte gibt es keine. Aber es ist den Unternehmern zuzutrauen, dass sie es zusammen mit der Belegschaft wie bislang schaffen werden, den «Schaden» zu minimieren.

Neue Produkte und Fertigungsmethoden, noch höhere Automation, neue Absatzmärkte sind nur einige Stichworte. Dabei kommt der Ausbildung des Personals eine Schlüsselrolle zu. Die leistungsfähigste Produktionsanlage nützt nichts, wenn sie nicht bedient werden kann.

Solothurn ist bereits globalisiert

Vorteil sind die vielen inhabergeführten KMU. In der Regel fühlen sie sich dem Werkplatz Solothurn oder generell der Schweiz mehr verpflichtet als vom Ausland aus geführte Firmen.

«Wir werden spüren, dass die Besitzstruktur der Firmen einen Einfluss auf die Personalallokation in einem globalisierten Markt hat», sagte Industrieverbandspräsident Josef Maushart kürzlich im Interview mit dieser Zeitung.

Diese Woche informierte der deutsche Bosch-Konzern über die Verlagerung von 260 Arbeitsplätzen in Frauenfeld an einen kostengünstigeren Standort in Osteuropa. Das haben die Arbeitnehmenden in der Region Solothurn mit der Zellulosefabrik, der «Papieri» Biberist oder eben der Bosch-Tochter Scintilla Zuchwil bereits schmerzlich erfahren müssen.

Damit verbunden ist die Chance, dass der Arbeitsmarkt im Kanton Solothurn rascher auf die Erfolgstrasse zurückfinden wird.

franz.schaible@azmedien.ch

Meistgesehen

Artboard 1