Parteistrategen haben es generell nicht einfach. Doch wenn sie die aussichtsreichsten Kandidatinnen und Kandidaten für wichtige Ämter küren sollen, dann sind sie erst recht gefordert.

Kampflos durchmarschieren möchten alle

Der Idealfall wäre natürlich einen Nachfolger portieren zu können, der mehr oder weniger kampflos durchmarschiert. Dann kann es ein solider Parteigänger ohne Ecken und Kanten sein oder auch schon mal ein bekannter Quereinsteiger auf der Suche nach einer neuen Herausforderung (wie Letztere dem Wahlvolk allgemein schmackhaft gemacht werden).

Ist das Risiko nicht allzu gross, stehen sie Schlange

Doch der Idealfall ist ein Einzelfall. Kommt hinzu, dass es Schönwetterkandidaten zur Genüge gibt. Also solche, die sich, sofern ihnen das Glück hold ist, Chancen ausrechnen dürfen gewählt zu werden. Kaum mehr zu bremsen sind dann die Willigen, besonders wenn es um Sitze im nationalen Parlament geht.

Wobmann und Meister werden strampeln müssen

Äusserst rar sind dagegen die Schlechtwetterkandidaten. Sie sind gefragt, wenn die Partei in einem Formtief steckt oder wenn die Aussicht auf einen Sitzgewinn stark getrübt ist. Die beiden Ständeratskandidaten Walter Wobmann und Marianne Meister zählen zu dieser gesuchten Spezies.

Beim SVP-Mann trifft wenigstens nur ein Aspekt zu und er darf damit rechnen, seinen Sitz im Nationalrat verteidigen zu können. Die FDP-Frau dagegen hat es noch einen Zacken schwerer. Lästermäuler sprechen dann gerne von Himmelfahrtskommandos. Das ist es aber aus ihrer Sicht nicht. Sie betrachtet ihren Einsatz als Dienst an ihrer Partei, die nach dem herben Verlust ihres Langzeitsitzes im Stöckli unten angelangt sei und eh nur noch gewinnen könne.

Jemand musste die undankbare Aufgabe übernehmen

Dass Marianne Meister dazu erkoren wurde, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, überrascht nicht. Sie macht einen wachen Eindruck, hat eine dezidierte Seite, ist nicht auf den Mund gefallen und läuft kaum Gefahr abzuheben. Ein Makel, den der nationale Präsident des Freisinns seiner Partei noch immer nicht vollständig austreiben konnte. Entsprechend wurde Meister als weibliche Philipp Müller-Ausgabe ins Rennen geschickt – mit dieser These dürfte man nicht ganz falsch liegen. Sie betont denn auch, wie wichtig klare Botschaften verbreitet von authentischen Politikern seien.

Wenn alle Bisherigen dieses Feuer hätten

Ist Meisters Kandidatur einfach nur mutig, eher blauäugig, kühl berechnend oder bloss selbstlos? Mit Sicherheit wird sie eine erfrischende Note in die Ausmarchung bringen. Und was von ihr zu erwarten ist, sie wird trotz minimalen Erfolgsaussichten nicht im Schlafwagen den Wahlkampf absolvieren. Meister brennt richtig darauf, was zum Beispiel nicht auf alle amtierenden Nationalräte zutreffen soll. Um genügend Zeit investieren zu können, hat sie sich jetzt im eigenen Geschäft freigeschaufelt und jemanden dafür eingestellt. Wer finanzielle Opfer bringt und viel Energie aufwendet, ist in jedem Fall eine Bereicherung für unser demokratisches System.

Vom Säen und Ernten

Die Erkenntnis aus dem Versuch, die Kandidatur Meister auf den Punkt bringen zu wollen. Menschen die auf dem Land aufwachsen lernen früh: Auch auf kargem Boden muss säen, wer ernten will. Nicht jede Saat spriesst sogleich und wenn eine Saat einmal nicht aufgeht, dreht sich die Welt trotzdem weiter.

theodor.eckert@azmedien.ch