Witischutz und Pistenausbau

Fliegende Geschäftsleute versus Igel und Hasen

Die Stimmung um die Pistenverlängerung des Flughafen Grenchen ist vergiftet.

Die Stimmung um die Pistenverlängerung des Flughafen Grenchen ist vergiftet.

Eisenbahnlinien sind gut, Strassen sind schlecht, Flugpisten sind des Teufels – besonders, wenn sie verlängert werden sollen: Wochenkommentar zur anstehenden Kantonsratsdebatte über die Witischutzzone und damit den Grenchner Pistenausbau.

Eisenbahnlinien sind gut, Strassen sind schlecht, Flugpisten sind des Teufels – besonders, wenn sie verlängert werden sollen. So die gängige Sichtweise von umweltbewussten Mitteleuropäern, die nach Belieben auf jedes adäquate Verkehrsmittel zurückgreifen können (und es auch tun), wenn die persönlichen Bedürfnisse danach verlangen. Von der Vogel- zur Froschperspektive und damit an den Jurasüdfuss.

Das Quaken in Zusammenhang mit der Pistenverlängerung des Grenchner Flughafens ist nicht nur lauter, die Töne sind auch um einiges gehässiger geworden. Befürworter wie Gegner der geplanten vierhundert Meter längeren Piste gehen keinem Schlagabtausch aus dem Weg und schenken sich dabei gar nichts. Vertrauen schon längst gar keines mehr.

Die Stimmung ist vergiftet. Der Unternehmer Hugo Mathys zum Beispiel hat in unserer gestrigen Ausgabe für den Pistenausbau nachvollziehbare Argumente vorgebracht, die in der Folge statt entkräftet zu werden, umgehend mit bitterbösen Kommentaren quittiert wurden: Lügner und Umweltzerstörer würden über Leichen gehen, schreibt jemand und ein Hässigbürger meint «Zwängerei. Hei die Business-Type nüd angers z tue???».

Nun steht die Debatte im Kantonsrat an

Am kommenden Mittwoch wird sich der Solothurner Kantonsrat mit dem Volksauftrag «Für den vollständigen Erhalt der Witischutzzone» beschäftigen. Zuvor soll für die Parlamentarier Spiessrutenlaufen angesagt sein. Wer die Witi vor einem Hartbelag-Zuwachs schützen will, wird versuchen, den Volksvertretern vor Sitzungsbeginn den rechten Weg zu weisen. Ein Ausbau der Flughafeninfrastruktur in Richtung Osten ist sowohl für die Bewohner der Anliegergemeinden als auch die Kämpfer für den Erhalt des idyllischen Landstrichs zwischen Grenchen und Solothurn schlichtweg kein Thema.

Ebenfalls kein Thema (mehr) ist jedoch die Untertunnelung des verkehrstechnisch wichtigen Strassenstücks im Westen, oder, was ebenfalls zur Diskussion stand, eine aufwendige Anpassung der Linienführung. Also geht es jetzt entweder um eine Ost-Erweiterung oder den Status quo. In der Tat eine verzwickte Situation: Hier zu hohe Kosten, dort Schutz der Natur. Letztlich eine Güterabwägung, wie sie in unserer dicht besiedelten Schweiz immer wieder anzutreffen ist und einer schier unlösbaren Herausforderung gleichkommt.

Offenbar wenig Verständnis für Anliegen der Wirtschaft

Abgesehen von der Güterabwägung ist selbst der eigentliche Kernpunkt des Streits nicht ohne weiteres festzumachen: Braucht es denn die Pistenverlängerung tatsächlich? Ja, sagen die Befürworter, denn nur so haben vollbetankte Geschäftsflugzeuge für den Mittelstreckenbereich eine genügend lange, sprich sichere Piste zur Verfügung. Was ökonomisch und ökologisch durchaus Sinn macht, denn Zwischenlandungen sind keines von beidem. Sind denn diese Business-Jets in Grenchen überhaupt gefragt? Ganz offensichtlich ist dem so: Zeit ist schliesslich Geld, dieser angegraute Slogan ist in einer pulsierenden Wirtschaftswelt aktueller denn je – das gilt längst nicht nur für die tonangebenden Zentren. Diverse regionale Firmen unterstützen denn auch in dieser Ausgabe auf Seite 26 einen leistungsfähigeren Flughafen Grenchen. Interessant, wer sich öffentlich dazu bekennt – oder anders herum, wer es nicht tut.

Für wen setzt es am Schluss eine Bruchlandung ab, wer kann Durchstarten? In dieser Sache wird es nur Sieger und Verlierer geben, denn ein goldener Mittelweg existiert nicht. 

theodor.eckert@azmedien.ch

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