Gastkommentar

Erfolgreich und doch im Überlebenskampf

Einband des Kinderbuchs Schellen-Ursli (Archiv)

Einband des Kinderbuchs Schellen-Ursli (Archiv)

Warum Schweizer Kinderbuchklassiker wieder im Trend sind – und was daran falsch ist.

Es ist Herbst und das Kulturleben erwacht aus dem Sommerschlaf. Eine Palette von Festivals, Konzerten, Vernissagen, Premieren und Spielzeiteröffnungen locken uns wieder ins Innere der Kulturhäuser. Gleichzeitig beginnt für mich auch wieder die Kinozeit. Als ich letzte Woche in der Kinoschlange stand, blickte mir Schellen-Ursli mit seiner Familie von den Vorschauplakaten entgegen, und Heidi wird vor Weihnachten die Kinosäle mit Grosseltern und Enkeln füllen.

Schweizer Kinderbuchklassiker sind voll im Trend. Neben den Neuverfilmungen erscheinen im Herbst Neuauflagen von Franz Caspars Dackel «Fridolin» (Erstausgabe 1958) und vom 1938 erstmals erschienenen «Rössli Hü» von Ursula M. Williams, übersetzt vom gleichen Franz Caspar. Ist das Kinderbuch, made in Switzerland, also eine Erfolgsgeschichte? Ich bin verführt, dies zu denken.

Der Verkauf von Büchern ist seit Jahren stark im Rückgang. Eine Abteilung in den Buchhandlungen jedoch, die weiterhin gute Verkaufszahlen vorweist, ist die Kinderbuchabteilung. Das Interesse an Büchern bei den heutigen Kindern, die mit Smartphones und Tablets flinker umgehen als mancher Erwachsene, scheint ungebremst.

Aber wer kauft all die Kinderbücher? Richtig. Eltern, Gottis, Göttis, Tanten, Onkel und Grosseltern. Sie sind darauf bedacht, den Spielen auf den elektrischen Geräten, die Bilder und Geschichten aus den Büchern entgegenzusetzen und die Lust am Lesen zu fördern. Zudem gibt es fast nichts Schöneres als das Büchervorlesen und es ist wunderbar, ein Buch von Generation zu Generation weiterzugeben. Dabei ist der Wunsch nach dem Altbekannten bei den Käufer(-inne)n offensichtlich gross. Auch wenn sich die Lebenswelt, die Werte und Moralvorstellungen in den letzten 80 Jahren stark verändert haben.

Deshalb stelle ich mir die Frage, warum es denn immer die Klassiker sein müssen. Zeitgenössische Kinderbücher setzen sich mit Themen auseinander, die in der heutigen Gesellschaft wichtig sind. Sie vermitteln keine veralteten Moralvorstellungen und Rollenbilder. Sie enthalten keine rassistischen Bilder und Ausdrücke. Sie sind kreativ, intelligent und witzig.

Wussten Sie, dass in der Schweiz die Kinderbuchszene um ihr Überleben kämpft? Es gibt nur noch drei klassische Kinderbuchverlage. Und auch diese produzieren fast keine neuen Bücher mehr, sondern übersetzen Kinderbücher und legen eben die Klassiker neu auf. Ich möchte Sie deshalb alle von Herzen ermutigen, das nächste Mal in der Buchhandlung explizit nach neuen Schweizer Kinderbüchern zu fragen. Es gibt sie und sie sind gut. Oder erkundigen Sie sich auf der Website von Autillus – Autorinnen und Illustratorinnen der Schweiz – nach aktuellen Produkten.

Denn wenn wir auch in Zukunft noch Schweizer Kinderbuchklassiker haben möchten, die nicht aus der Zeit der Urgrosseltern stammen, ist das wichtig. Sehen Sie es als Dienst an unserer Gesellschaft und um zu verhindern, dass Kinder in Zukunft ein Buch mit etwas Altbackenem verbinden und dann doch lieber zum Tablet greifen.

Meistgesehen

Artboard 1