Der Gefängnisalltag in der Schweiz lieferte uns diese Woche mehr als eine Schlagzeile.

Die Geschichte Schöngrün ist zu Ende geschrieben und damit auch die des offenen Strafvollzugs im Kanton Solothurn. Dieser wird nun an anderen Standorten des Landes wahrgenommen. Die Solothurner haben sich damit nicht etwa aus der Gesamtverantwortung gestohlen. Im Gegenteil: In der neu erstellten Anlage Schachen bei Deitingen wartet eine nicht minder anspruchsvolle Aufgabe. Das zeigt sich bereits nach wenigen Betriebswochen.

Kleine Häftlingsgruppe sorgt für grossen Wirbel

Es mottete schon länger. Nun haben die Inhaftierten, welche dem unverdächtig klingenden Artikel 59 des Strafgesetzbuches unterliegen, einen Konfliktherd angefeuert und in die Öffentlichkeit getragen. Hinter der Zahl verbirgt sich die kleine Verwahrung. Klein deshalb, weil sie theoretisch maximal fünf Jahre dauert, in der Praxis jedoch verlängert, verlängert und nochmals verlängert werden kann. Werden muss, wenn die Therapien nicht die gewünschte Wirkung zeigen. Was bei psychisch schwer gestörten Insassen vorkommen soll.

Wer viel kostet, glaubt Ansprüche zu haben

59er-Straftäter sehen sich nicht als gewöhnliche Kriminelle, immerhin wendet der Staat für sie monatlich um die 20 000 Franken auf.

Da kann man schon auf die Idee kommen, gewisse Ansprüche zu stellen. Was sie denn auch tun. Betreuer und Psychiater schätzen sie als schlichtweg unfähig ein, die Unterbringung als eine Zumutung, sie werden nicht als Ganzes wahrgenommen und eine Zukunft in Freiheit wird ihnen verwehrt, weil sie eine finanziell interessante Klientel darstellen. All diese Vorwürfe werden detailliert in zahlreichen umfangreichen Schriftstücken aufgelistet, die der Redaktion vorliegen.

Schützenhilfe von prominentem Psychiater

Unterstützung erhalten die 59er nicht bloss von einer Selbsthilfegruppe für Strafgefangene (geleitet von einem ehemaligen Häftling), sondern indirekt auch vom bekannten Zürcher Psychiater Mario Gmür, der selber für Gerichte zahlreiche Gutachten verfasst hat. Er kritisiert zum Beispiel, dass das Überhandnehmen der Psychiatrie im Strafrecht inakzeptable Auswüchse annehme. Gmür moniert weiter Psychotherapien ohne Perspektiven und wie dabei über viele Jahre Behandlungen zu einem Tagesansatz von bis zu 1500 Franken zur Anwendung kämen.

Wo Rauch ist, da sei auch Feuer, lehrt der Volksmund. Gut möglich also, dass auch im Schachen Verbesserungsmöglichkeiten vorhanden sind. Solothurner Zeitung/Grenchner Tagblatt werden jedenfalls Augen und Ohren offen halten und wenn nötig die Finger auf wunde Punkte legen. Vorrangig geht es allerdings darum, die Optik des Stammtisches zu justieren, die zwischen Kuscheljustiz-Diskussionen und der Forderung nach knallharten US-Lösungen hin- und herschwenkt.

Forderungen stellen ist immer einfacher

Ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang auffällt, ist das kaum vorhandene Bewusstsein für Selbstverantwortung bei den Betroffenen. Dies lässt sich nicht erst im Falle eines Freiheitsentzugs feststellen. Schuld sind grundsätzlich immer die andern. Bezüglich der Geburt mag das ja noch zutreffen. Doch können tatsächlich eine schwierige Kindheit, eine harte Jugend oder schlechte Bedingungen auf dem Weg ins Erwachsenenleben gleich für jeden Fehltritt verantwortlich gemacht werden? Muss die Gesellschaft deswegen für alle Unzulänglichkeiten, für alle persönlichen Schwächen Verständnis aufbringen und eine mangelnde Sozialisierung im Krisenfall akzeptieren? Tatsache ist doch, dass längst nicht jeder Fehlstart ins Leben in eine Katastrophe mündet. Und nicht jede Katastrophe in jedem Fall sämtliche Perspektiven für immer und ewig verbaut.

Selbstmitleid ist ein schlechter Ratgeber

Darum geht es: Nehmen wir den Film «Cast Away» (Verschollen). Tom Hanks wird nach einem Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel angeschwemmt. Nun könnte er vor Selbstmitleid zerfliessen. Jammern, dass kein Fastfood-Stand unter der nächsten Palme bereitsteht. Sofortige Rettung erwarten. Und am nächsten Morgen resigniert sein nahendes Ende beklagen. Doch das tut er nicht. Er akzeptiert seine Lage, packt an, kämpft und überlebt. Der Häftling, den wir diese Woche auf dem Thorberg getroffen haben, machte einen ähnlich entschlossenen Eindruck, was seine Situation anbelangt. Die aufmüpfigen 59er dagegen sehen sich nicht als Täter, sondern permanent als Opfer. Gestrandet sind sie jedoch lediglich auf der unwirtlichen Insel Schachen. Nicht auf einem anderen Planeten, wie sich einige überzeugt geben.