Auf spielerische und spannende Weise den Kindern die Möglichkeit bieten, die in ihnen schlummernden Talente zu entdecken und zu fördern.» Das ist das Ziel eines Projekts für Begabtenförderung an der Primarschule Kestenholz, jenem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Wie bitte? Spielerisch soll es zugehen und womöglich auch noch Spass machen? Ja wo sind wir denn! Die sollen gefälligst etwas lernen.

Halt, stopp! Jetzt ist bei mir eine Sicherung durchgebrannt. Ich finde diese Begabtenförderung nämlich schlicht wunderbar. Ich habe bloss deshalb überreagiert, weil ich neidisch bin. Wie gerne hätte ich seinerzeit herausgefunden, wo meine Talente sind. Aber vor knapp sechzig Jahren hat sich niemand um so etwas gekümmert, man hat uns den Schulstoff einfach eingepaukt, wenn nötig mit Schlägen nachgeholfen. Der Ausdruck «spielerisch» hatte im Schulbetrieb nichts zu suchen. «Da gehts um den Ernst des Lebens», hiess es.

Anderseits: Welche Talente hätte man wohl bei mir entdeckt, welche hätte man gefördert und – vor allem: Was wäre dann aus mir geworden? Wie viel anders würde mein Leben heute aussehen? Wünsche ich mir wirklich ein anderes, als ich es habe? – Nein! Denn es ist gut geworden, obwohl ich meine Talente erst spät und eher zufällig entdeckt habe. Ach ja, und mittlerweile habe ich auch herausgefunden, wie man etwas lernen und dabei Freude empfinden kann. Den Schülerinnen und Schülern – selbstverständlich nicht nur jenen in Kestenholz – gönne ich aber von Herzen, dass sie am Lernen Freude haben dürfen.