Fragen, die immer wieder dann auftauchen, wenn die Solothurner Öffentlichkeit mit Ereignissen der unangenehmeren Art konfrontiert wird: Wie happige Portionen davon ertragen die Bürgerinnen und Bürger unseres Kantons, ohne sich in ihrem Wohlbefinden gestört zu fühlen? Wie viel Direktheit schätzen sie? Wie tief darf man in Wunden grübeln, damit die Leser es gerade noch goutieren? Stimmt es, dass die Diskussions- und Streitlust hier weniger ausgeprägt ist als beispielsweise im Wallis oder Züribiet? Mit andern Worten, gehen bereits die folgenden Ausführungen zu weit oder liegen sie gerade noch drin? Die Reaktionen werden es zeigen. Apropos Feedback: Wir verfügen über etliche treue und engagierte Leserbriefschreiber. Angesichts der Tatsache, dass deren eingesandten Zeilen besonders aufmerksam verfolgt werden, könnte der Kreis jedoch deutlich grösser sein. Noch auffälliger ist, wie defensiv selbst die brisanten Geschichten auf dem Onlineportal begleitet werden. Die Lese-Rate ist zwar hoch, die Kommentarfunktion dagegen wird verhältnismässig wenig genutzt.

Sich öffentlich zu exponieren, dazu scheint es längst nicht jeden Solothurner, jede Solothurnerin zu drängen. Es geht dabei nicht darum, mit Worten möglichst wild um sich zu schlagen, wie es auf manchen Portalen gang und gäbe ist. Auch ein sachlicher Positionsbezug würde dann und wann dazu beitragen, den gesellschaftspolitischen Diskurs zu beleben. Oftmals wünscht man sich, dass dieser weniger diskret und mit etwas hörbareren Tönen ablaufen würde.

Wenn jenseits der Kantonsgrenze der Kopf geschüttelt wird

An Beispielen mangelt es nicht, wenn wir die vergangenen Tage und Wochen Revue passieren lassen. Nehmen wir den Fall des Chefs des kantonalen Steueramtes. Zweifellos ein gut bezahltes Vollpensum. Dieser Mann und mit ihm die Regierung finden es angebracht, dass er nebenbei in den Verwaltungsräten zweier Spielcasinos und eines Hotels sitzt. Das kann man so sehen. Fadenscheinige Begründungen lassen sich immer finden. Rückfragen in anderen Kantonen haben ergeben: Kein erkennbarer Zusammenhang vorhanden, das käme bei uns nicht infrage.

Nächstes Beispiel. Im Amt für Wirtschaft und Arbeit wurden gut bezahlte Integrationsaufträge recht hemdsärmelig auch schon mal an Freunde, Bekannte und Verwandte vergeben. Über diese Solothurner Spezialität mochten sich immerhin zwei, drei Leser zu mokieren und ennet der Kantonsgrenze nahm man die Nachricht mit Stirnrunzeln zur Kenntnis. Gleiches gilt für die diskutable Ausgliederung der Verarbeitung unserer Steuererklärungen in einem Zürcher Industriegebiet. Jüngstes Ereignis: Ein Lehrer in einem Solothurner Landschulhaus hat das Internet nicht bloss für pädagogische Zwecke genutzt, er hat auch die grenzenlosen Angebote für Pädophile erkundet. Zudem steht er im Verdacht, seine Neigungen nicht nur virtuell ausgelebt zu haben. Im Raum steht der Vorwurf, die Behörden hätten nicht schnell und konsequent genug eingegriffen. Öffentlich zu diskutieren und debattieren gäbe es für kritische Bürgerinnen und Bürger also genug.

Gegenseitiger Respekt bedeutet nicht Kritiklosigkeit

Der Kanton Solothurn ist kein Sammelbecken für Wutbürger. Das muss auch nicht sein. Das möglichst konfliktfreie, von Nachsichtigkeit geprägte Miteinander sorgt zwar für eine harmonische Atmosphäre, verhindert jedoch, dass Schwachstellen oder gar Missstände mit der nötigen Entschlossenheit angegangen werden. Immerhin und das stimmt positiv: In all den erwähnten Fällen sind mittlerweile Vertreter verschiedener Parteien aktiv geworden und nutzen ihre politischen Instrumente, um Antworten auf offene oder noch gar nicht gestellte Fragen zu erhalten. Zumindest so viel muss sein. Was wiederum nicht ausschliesst, dass es bei einzelnen Zuckungen bleiben wird. Denn das traditionell austarierte solothurnische Politverständnis wird auch im Jahr 2015 den Alltag bestimmen.

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