Seit ein paar Tagen läuft mir ein Lied nach, das ich seit meiner Kindheit kenne. «Dynamit» von Mani Matter. «Einisch ir Nacht woni spät no bi gloffe, d Bundesterasse z düruf gäge hei, hani ä bärtige Kärli aatroffe u gseh grad, das dä sech dä dert jemmers nei, das sech dä dert zu nachtschlafener Ziit am Bundeshuus z schaffe macht mit Dynamit.»

Eines Nachts, so das Lied, will ein bärtiger Kerl offenbar das Bundeshaus in die Luft sprengen. Ein Beobachter eilt herbei, beschreibt dem Attentäter wortgewaltig und poetisch die Errungenschaften der Schweizer Demokratie und Freiheit, bis dieser zu Tränen gerührt von seinem Vorhaben ablässt. Das Bundeshaus und der Staat werden gerettet. Aber zu Hause angekommen beschleichen den Zivilcouragierten Zweifel: Ist in der Schweiz wirklich alles so gut?

Nach den Vorkommnissen der letzten Woche mit den Anschlägen bei «Charlie Hebdo» in Paris und den Drohungen gegen die Kesb in der Schweiz ist es nicht verwunderlich, dass mich dieses Lied nicht mehr loslässt. 42 Jahre nach der Aufnahme irritiert mich seine Aktualität. Die Angst, die aus den Kommentaren in Zeitungen und Online-Medien lesbar wird, ist die gleiche Angst, die das Rednertalent in Matters Lied entfacht. Ich bewundere die Zivilcourage des Mannes auf der Bundesterrasse, der trotz seiner Angst das Gespräch sucht und mit seiner pazifistischen Rede den Staat rettet. Auch das Feindbild ist geblieben. Bei Matter war es ein Anarchist, heute ist es der Terrorist.

In politisch brisanten Zeiten frage ich mich als Kulturveranstalterin oft, warum ich mich für Kunst und Kultur einsetze. Glaube ich daran, dass die Kunst etwas in der Gesellschaft bewirken kann? Welchen direkten Einfluss kann die Kunst auf unseren Umgang miteinander haben?

Ich kann es vorwegnehmen: Ja, ich bin überzeugt, dass die Kunst etwas verändern kann. Nicht durch Skandale und Grenzüberschreitungen. Dies haben andere übernommen. Sondern indem die Kunst neue Sichtweisen entwickelt, die zum Denken anregen. Auf diesem Weg werden Dinge verändert. Ja, daran glaube ich.

Deshalb empfehle ich den Besuch von Kulturveranstaltungen. Nehmen Sie sich die Zeit, sich darauf einzulassen. Diesen Monat haben Sie in Solothurn die grossartige Möglichkeit dies entweder an den Solothurner Filmtagen zu tun oder bei einem Besuch im wiedereröffneten Stadttheater. Und lesen Sie Bücher. Das kann man immer und überall tun.

Dynamit finden Sie «Ir Ysebahn» (CD) von Mani Matter, Zytglogge Verlag, 1973.