Guten Abend und vielen Dank für den Medienpreis.

330 Bosch-Arbeiter verlieren ihre Stelle – und ich gewinne einen Preis. Die zwei Dinge zusammen lösen bei mir zwiespältige Gefühle aus.

An dieser Betriebsversammlung am 4. April 2014, im Personalrestaurant der Scintilla, war die Stimmung gedrückt. ... Bei mir auch! Nach vergeblichen Versuchen, die Kündigungen zu vermeiden, wurde an dieser Veranstaltung der endgültige Entscheid kommuniziert. – Der Todesstoss für 330 Stellen in der Region Solothurn!

Wie soll ich diese Situation fotografieren, habe ich mich gefragt. Für die Solothurner Zeitung war ein Bild im Regionalteil, eines auf der Front und eine Onlinebildstrecke geplant. Zuerst habe ich das Eintreffen der Arbeiter fotografiert. Einige waren noch in ihrer Arbeitskleidung, andere hatten noch den Kaffeebecher vom Selecta-Automaten in der Hand, dann die Tischreihe mit den Firmen-und Gewerkschaftsvertretern. Dann habe ich mich umgedreht und die Kamera auf die betroffenen Anwesenden gerichtet – nah, ziemlich nah, mit dem Teleobjektiv! Das war für mich keine einfache Situation. Irgendwie hat sich bei mir ein Widerstand aufgebaut und plötzlich sind da einige Fragen im Raum aufgetaucht: Darf man das? Ist das nicht Voyeurismus? Ist das nicht respektlos gegenüber den Betroffenen? Wo ist die Grenze? Lässt sich die Grenze in dieser Situation allenfalls ausweiten? Ich weiss nicht, ob es auf diese Fragen ganz klare Antworten gibt.

Aber – ich hab es einfach getan! Ich hab es einfach getan, weil ich der Geschichte ein Gesicht geben wollte, oder andersherum die Geschichte mit den Gesichtern erzählen.
Nach meiner letzten Information ist für rund 180 Betroffene eine Lösung gefunden worden. Für die anderen 150 ist die Zukunft noch unklar. Ich wünsche allen betroffenen Scintilla-Mitarbeitern alles Gute und die bestmögliche Zukunft. Merci!

* Wortlaut der Dankesrede bei der Preisverleihung im Oltner Stadttheater (wir berichteten).