Eine gute Lehrkraft zeichnet sich erstens dadurch aus, dass sie mich in Ruhe lässt ..., sich abgrenzt – gegenüber den Eltern und vor allem gegenüber der Schulleitung ..., dass sie den Kindern den Primarschulstoff vermittelt.» Diese in der «Nordwestschweiz» vom 10. Dezember ausgedrückte Meinung einer selbstbewussten Mutter bedarf der Ergänzung.

Für eine wirksame Erziehung benötigen Eltern bildungsferner Bevölkerungsschichten eine gute Beratung durch Schulleitung und Lehrpersonen.
Das Zivilgesetzbuch überbindet den Eltern die Erziehung ihrer Kinder, die Schulgesetze fordern aber Zusammenarbeit: Die Schule soll die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder unterstützen.

Seit 50 Jahren orientiert sich die Erziehung nicht mehr am Stoff, sondern an der Entwicklung der Persönlichkeit durch die Förderung von Kompetenzen. Der im Lehrplan enthaltene Auftrag zur Förderung der Selbst- und Sozialkompetenz erweitert die Aufgabe der Schule weit über die Stoffvermittlung hinaus. Mit Selbstkompetenz ist die Fähigkeit gemeint, seine emotionale Befindlichkeit bewusster wahrzunehmen und z. B. mit Ängsten und Frustrationen richtig umzugehen, was eine positive Einstellung gegenüber sich selbst bewirkt und für den Lernerfolg entscheidend ist. Sozialkompetenz meint die Fähigkeit, mit andern Menschen wertorientiert umzugehen, ihnen offen und ohne Vorurteile zu begegnen, Empathie zu entwickeln. Im weitesten Sinn ist Sozialkompetenz die Fähigkeit, politisch handeln zu können. Der Lehrplan 21 splittet die hier grob skizzierten Grundkompetenzen auf in eine Vielzahl von Teilkompetenzen, was den Dialog mit den Eltern erleichtert.

Fazit: Eine Lehrperson, welche die Eltern in Ruhe lässt, sich gegenüber Eltern und Schulleitung abgrenzt und den Kindern bloss den Stoff vermittelt, erfüllt ihren Auftrag nicht.
Die gute Lehrperson begegnet den Heranwachsenden als Mitmenschen auf dem Weg zur Mündigkeit. Sie kennt die Entwicklungspsychologie ihrer Stufe und verfügt über das didaktische Rüstzeug, den Unterricht wirksam zu gestalten. Insbesondere ist sie fähig, jedes Kind bei der Entwicklung eines gesunden, auf seinen individuellen Stärken basierenden Selbstvertrauens zu unterstützen, die Stufen seiner Entfaltung einzuschätzen, seine Begabungen zu fördern respektive es beim Bearbeiten seiner Defizite zu unterstützen.
Weil Primarschulkinder von mehreren Personen unterrichtet werden, koordiniert die Lehrperson ihre Tätigkeit mit ihren Kolleginnen. Zum Selbstschutz grenzt sie sich ab.

Die gute Lehrperson ist sich bewusst, dass der Einfluss der Familie weitgehend über den Schulerfolg entscheidet. Weil das Kind ab sechs Jahren fähig ist, die Formung seiner Persönlichkeit allmählich selbst in die Hand zu nehmen, muss es als Subjekt der Erziehung gut geführt werden. Diese Führung ist umso wirksamer, je besser sie von Eltern und Lehrpersonen gemeinsam erarbeitet und mit dem Kind selbst vereinbart wird. Im Beurteilungsgespräch mit Kind und Eltern moderiert die Lehrperson – nach der gemeinsamen Besprechung der Schularbeiten und nach der Selbsteinschätzung des Kindes – die Erarbeitung einer gemeinsamen Beurteilung des aktuellen Entwicklungsstandes. Im Hinblick auf die nächsten sensiblen Phasen in der Entwicklung vereinbart sie – wiederum gemeinsam mit Kind und Eltern – Zwischenziele in den Kompetenzbereichen und vermerkt diese in einem Kurzprotokoll, das alle unterschreiben. Wie weit diese Ziele erreicht worden sind, was Eltern, Schule und Kind zu ihrem Erreichen beigetragen haben, ist Teil des folgenden Gesprächs.
Eine klar geregelte Zusammenarbeit entlastet Eltern und Lehrperson; sie verstärkt die erzieherische Wirkung der Schule, sie ist ein Hauptmerkmal für die Qualität einer guten Schule.