«Der einzige Schatz der Armen ist das mögliche Wunder.» Diesen Satz schrieb der katalanische Reiseschriftsteller Josep Pla in seinem Hauptwerk «El cuadern gris». Plas Aussage will mir zuweilen einfallen, wenn ich am Bahnhofkiosk länger anstehen muss, weil die Frau oder der Mann vor mir eine Menge Lottoscheine durchchecken lässt. Wer Lotto spielt, muss ja heutzutage nicht mehr selbst überprüfen, ob er etwas gewonnen hat. Die Kioskfrau lässt die Scheine durch eine Maschine laufen und schon kann sie den Kunden mitteilen, ob sie Glück hatten oder nicht.

Manche Glücksjäger erfahren so, dass sie tatsächlich ein paar Franken gewonnen haben. Aber während sie die alten Lottoscheine mit der linken Hand entgegennehmen, strecken sie der Verkäuferin mit der rechten Hand bereits die neuen Zahlen zu. Die Prozedur des elektronischen Erfassens neuer Lottozettel kann recht viel Zeit in Anspruch nehmen. Nicht wenige Lottospieler nutzen diese Zeit, um ein paar Rubbellose auszuwählen. Und noch bevor die Kioskfrau einen möglichen Gewinn der Rubbellose überprüft hat, entschliessen sich die Kunden zum Kauf einiger Glückslose.

Wenn der einzige Schatz der Armen das mögliche Wunder ist, muss dieses Wunder immer wieder gesucht werden. Und weil Wunder selten eintreten, stehen die Leute ständig am Kiosk. Noch bin ich arm, aber ich könnte morgen schon reich sein, denken die Lottospieler. Wäre ich reich, würde ich mich zum Beispiel über hohe Steuern ärgern, geht es ihnen vielleicht durch den Kopf.

Die Armen, die an das mögliche Wunder glauben, verstehen sich nicht als Arme, sondern als potenziell Reiche. Das hat unter anderem Einfluss auf ihr persönliches Abstimmungs- und Wahlverhalten. Auffällig viele Arme haben Sympathien für Reiche und Erfolgreiche. Die Armen wissen wahrscheinlich nicht, dass die meisten Reichen ihren Reichtum keinem Wunder und keinem Lottoschein zu verdanken haben. Die Reichen sind unter anderem auch deshalb reich, weil viele Arme sich selbst als mögliche Reiche betrachten und sich deshalb mit den Reichen solidarisieren.

Während ich an derartigen Zusammenhängen herumgrüble, sitze ich zwei offensichtlich erfolgreichen Männern gegenüber, die während einer Bahnfahrt telefonisch Geschäfte abwickeln. Die beiden Männer nehmen akustisch und körperlich sehr viel Raum ein. Ich schaue die Männer genauer an und kann mir nicht vorstellen, dass sie zu denen gehören, die der Kioskfrau regelmässig Lottoscheine und Glückslose entgegenstrecken. Solange sie gut im Geschäft sind, brauchen sie nicht auf Wunder zu hoffen.

Die beiden Männer, die durch ihr geschäftiges Treiben meine Gedankengänge durcheinanderbringen, sind alles andere als arm und sie wirken auf mich auch nicht wie Menschen, die besondere Empathie für Arme haben. Vermutlich wissen sie nicht einmal, dass viele Arme Lotto spielen, um sich mit ihnen identifizieren zu können. Doch selbst wenn sie es wüssten, würde es sie wohl nicht besonders interessieren.