Solothurn hatte bisher immer Glück mit seinen Toten. Als Solothurn 1481 der Eidgenossenschaft beitrat, waren kurz zuvor gefundene Knochen ein wichtiges Argument für die Aufnahme des Kantons.

1473 fand man in Solothurn eine grosse Zahl von Skeletten. Dank der widerwillig gewährten Gunst des damaligen Papstes mutierten sie zu Gebeinen von Soldaten der thebäischen Legion. In Wirklichkeit handelte es sich um die Überbleibsel irgendwelcher armer Menschen, die in einem Massengrab ihre letzte Ruhe gefunden hatten.

Aber kräftige Lobbyarbeit und wohl auch grosszügige Zuwendungen dürften die Kirchenbürokratie dazu bewogen haben, der Verwandlung von gewöhnlichen Knochen in wertvolle Reliquien zuzustimmen.

Sie wurden an die anderen Kantone verschenkt, wo sie den verschiedenen Wallfahrtsorten in der Eidgenossenschaft zu einer zeitgemässen zusätzlichen Attraktion verhalfen. Das förderte den Wallfahrtstourismus – damals eine wichtige Einnahmequelle für die einzelnen Orte.

Auch heute sollen wieder Tote im Dienste des Kantons zu «neuem Leben» erweckt werden. Diesmal sollen die Wiedergänger der Standortförderung dienen.

Um den Landesstreik von 1918 zu einem einmaligen kulturell verbindenden Anlass werden zu lassen, will die Zürcher Regisseurin Liliane Heimberg die sozialen und politischen Auseinandersetzungen des Generalstreiks in einem Volkstheater neu beleben.

Das Spiel soll möglichst authentisch und volksnah werden, deshalb erging der Appell an die Bevölkerung, sie solle doch bitte Erinnerungen an den Landesstreik per E-Mail (heimberg@hispeed.ch) der Regisseurin mitteilen.

Gleichzeitig wird eine mehrheitsfähige Geschichtsschreibung angestrebt. Man erhofft sich, dass es «mit der konzeptionellen Einbindung von breiten Bevölkerungsschichten möglich wird, dem Landesstreik aus heutiger Sicht möglichst sachlich zu begegnen».

Nach der Forderung einer Volkswahl des Bundesrates, Richtern etc. wird folgerichtig nun in populistischer Manier die «Demokratisierung» der Geschichtsschreibung per Volksentscheid verlangt.

Pech nur, dass der Landesstreik nun doch schon rund 100 Jahre zurückliegt und kaum mehr die für die Erinnerungskultur doch so wichtigen Zeitzeugen vorhanden sind.

Aber vielleicht gelingt es der Regisseurin und ihrem historischen Adlaten Stefan Keller – ähnlich wie den Solothurnern im Spätmittelalter – die längst Verstorbenen in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

Angesichts der drei Menschen, die das Militär während des Landesstreiks in Grenchen erschossen hat und nachdem man auch heute noch nicht genau weiss, welches die politischen und ökonomischen Ursachen waren, die den Konflikt eskalieren liessen, wirkt der Versuch einer emotionalisierten, populistischen Geschichtsschreibung doch eher makaber.

Immerhin bewegt sich das Projekt – indem die Knochen und die vergrabenen Erlebnisse der Toten als Ausgangspunkt für einen ökonomischen Mehrwert aktiviert werden – im Rahmen der bisherigen solothurnischen Tradition, die bekanntlich grossen Wert legt auf die Wiederholung des Immergleichen.

Heisst es doch im Solothurner Lied: «’s isch immer so gsi, ’s isch immer so gsi …»! Das ist in diesem Fall auch ein Versprechen für die Zukunft. Massstab ist dabei die symbolische Wiederbelebung der vermeintlich thebäischen Legionäre.

Der finanzielle Aufwand für das Ereignis ist jedenfalls beträchtlich, wird doch ein Budget von 2,6 Millionen für rund anderthalb Monate Theater-Spielzeit veranschlagt.

Da darf doch wohl sogar in unserem modernen Zeitalter – ähnlich wie im Spätmittelalter – mit gütiger Unterstützung geneigter Autoritäten bei der zweckdienlichen Auferweckung von Toten gerechnet werden.

*Der Autor ist Sozial- und Wirtschaftshistoriker. Er ist Autor von mehreren Büchern und hat an der Kantonsgeschichte des Kantons Solothurn mitgearbeitet.