So öffnet sie also am kommenden Freitag zum letzten Mal ihre Pforten, die gute alte Basler Mustermesse, auch liebevoll Muba genannt. Dass der Erfolg viele Väter hat, der Misserfolg eher weniger, zeigt sich bei der «Mutter aller Messen» exemplarisch: Die Schweizer Landesregierung, deren Vertreter immer mit breitem Grinsen und viel Verve das Eröffnungsband durchschnitten und die Stände mit echtem oder gespieltem Interesse abschritten, lässt sich schon gar nicht mehr blicken.

So absehbar das Ende der Muba war und so sehr dieses Ende zur allgemeinen Krise des Messewesens in Zeiten der digitalen Marktplätze passt: Die Muba-Derniere kann im ursprünglichen Wortsinn der Krise gedeutet werden – nämlich als Wendepunkt, an dem sich entscheidet, welchen weiteren Verlauf eine Geschichte nehmen wird. Es wird sich ab jetzt zeigen, ob der Messeplatz Basel weiter eine Bedeutung haben wird oder schon bald zur Geschichte der Stadt und der Region gehört. Schafft die Messe Schweiz kurzfristig die Trendumkehr? Kann die Baselworld noch gerettet werden? Wird die Art Basel aus dem Negativsog ihres Konzerns herausgehalten werden können? Wer hätte vor zwanzig oder gar erst vor zehn Jahren erahnen können, dass sich solche Fragen überhaupt stellen würden!
Absolute Sicherheit, so zeigt uns das Beispiel Muba oder auch das Beispiel der schlingernden Baselworld, gibt es nicht. Schon gar nicht in der Wirtschaftswelt mit ihren Strukturwandlungen, die sich in atemberaubenden Tempi vollziehen.

Gerade in guten Zeiten tendieren wir aber dazu, alles als gegeben und sicher zu betrachten. Solange Novartis und Roche mit so ausgezeichneten Ergebnissen aufwarten können, wie sie das in den vergangenen Tagen taten, und in so «beneidenswerter Lage» sind, wie die «NZZ» schrieb, müssen wir uns in der Region um die Basis unseres wirtschaftlichen Wohlstands wenig Sorgen machen. Allein ein Blick auf die Hauptsitze der Pharmariesen kann uns in Sicherheit wiegen: Hier der milliardenteure Campus von Novartis im St. Johann, dort das sich mit ungeheurer Wucht entwickelnde neue alte Roche-Areal im Wettstein-Quartier. Wer mag schon nur an diesen Standortbekenntnissen aus Beton und Glas zweifeln? Gibt es bessere Argumente für Prosperität?

Aber eben: Wer konnte sich bis vor kurzem Basel ohne die Muba und vielleicht künftig ohne die Baselworld vorstellen? Oder wer hätte es sich aus der Generation unserer Grossväter und Väter träumen lassen, dass «die Chemie» sich aus dem ganzen Klybeck-Quartier verabschiedet und ihre Areale für neue Nutzungen wie Wohnen freigeben wird? Mit solchen Fragen soll erstens nicht der Teufel an die Wand gemalt noch zweitens der Eindruck erweckt werden, dass sich solch fundamentale Veränderungen innert kürzester Zeit und quasi aus heiterem Himmel heraus vollziehen würden. Es geht nicht einmal um ein vages, hypothetisches «Was wäre, wenn ...?». Sondern schlicht darum, in diesen guten Zeiten den Blick zu öffnen für Branchen und Wissenszweige, deren direkter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen für die Region vielleicht erst in Ansätzen erkennbar ist und deren Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft scheint.

Wie wichtig ist der Region beispielsweise die Kreativwirtschaft? Wie wichtig die Förderung von Start-ups in diesem Bereich, in Mode, in Design, in neuen Dienstleistungstechnologien? Berlin hat – selbstverständlich in einer anderen Dimension – vorgemacht, wie es geht: Stimmen die Rahmenbedingungen und stimmt das Image einer Stadt, so schlägt sich das mittelfristig auch auf die Wertschöpfung nieder. Warum hat die deutsche Hauptstadt die britische Hauptstadt London in diesem Bereich hinter sich gelassen? Weil es für Start-ups und kreative Menschen sexier und kostengünstiger ist, ihre Zelte an der Spree als an der Themse aufzuschlagen. Der fast ausschliessliche Fokus auf die Finanzwirtschaft erweist sich für London je länger, je schädlicher.

Es braucht also Diversität: Die Kultur gehört dazu, das für das gute Lebensgefühl entscheidende Freizeitangebot, die Bildung, die fiskalischen Bedingungen, die Verkehrsinfrastruktur. Basel hat in all diesen Bereichen in den vergangenen Jahren massiv an Attraktivität gewonnen. Was noch fehlt, ist das allgemeine Bewusstsein für die kreativen und digitalen Branchen. Sicher, mit der Aufwertung der Fachhochschule ist ein Schritt gemacht worden. Aber wenn in der Region Basel wie an den zahlreichen Neujahrsempfängen von «Gewerbe» gesprochen wird, dann meist im traditionellen Sinn: Gemeint sind Bauunternehmer, Bäcker, Metallbauer. Eine Erweiterung dieses Begriffes im oben genannten Sinn täte not!

Nehmen wir also die letzte Ausgabe der Basler Mustermesse zum Anlass, um ein Stück weiterzudenken und auf eine Stadt und Region hinzuarbeiten, wie wir sie heute in ersten Ansätzen sehen. So kann eine Krise, die immer ein Wendepunkt ist, eben auch zur Chance werden.