Tötungsdelikt im Gotthelf

Keine voreiligen Schlüsse, bitte

Auch wenn es noch ein weiter Weg ist, bis der Mord am siebenjährigen Knaben im Basler Gotthelfquartier juristisch aufgearbeitet ist, zeigen sich nun doch schon klare Konturen: Die Tat wurde nicht von einer gänzlich verwirrten Person begangen, die sich in einem schizophrenen Schub an einem wehrlosen Kind verging. Vielmehr handelt es sich um die Tat einer Frau, die sich seit Jahren in einem pathologischen Wahn und im Kampf gegen die Obrigkeit befindet.

Die Frau ist seit über 15 Jahren psychiatrisch begutachtet. Es ist bekannt, dass sie Drohungen ausgesprochen hat, es ist attestiert, dass sich ihr Krankheitsbild verschlimmert hat. Aussicht auf Heilung besteht nach Ansicht der Psychiater keine. Welche Verantwortung tragen also die Gutachter für die Bluttat? War es zulässig, dass sich die Frau weiterhin frei in der Öffentlichkeit bewegen konnte?

Jede Antwort auf diese Fragen wäre eine falsche. Unzulässig wären vor allem all jene Reflexe, mit denen die Verantwortung jenen Psychiatern zuweist, die einschätzen mussten, wie ernst die Drohungen zu nehmen sind – und die sich nicht ausmalen konnte, wie gezielt sich die Seniorin ein Kind zum Opfer machte. Dass am Ende des Verfahrens die Frage der Verantwortung gestellt werden muss, ist klar. Wer sie jedoch schon jetzt zu beantworten sucht, der will keine Verantwortlichen, er will allein Schuldige. Doch dies würde dem sinnlos gestorbenen Knaben nicht gerecht.

Autor

Christian Mensch

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