Was sind wir Schweizer nicht stolz, wenn wir irgendwo Weltspitze sind. Roger Federer kennt mittlerweile jede Kindergärtlerin, selbst die Skifahrer laufen zuletzt wieder zu Höchstleistungen auf. Auch wirtschaftlich betrachtet spielt so manche Firma in der Weltelite mit. In der Pharmaindustrie steigen gleich zwei Konzerne mit Schweizer Trikot aufs Podest. Zwar geht die Goldmedaille an Pfizer aus den USA, doch dahinter folgen Novartis und Roche. Nationalstolz oder – im Falle des Hauptsitzstandorts Basel – Lokalpatriotis- mus ist deshalb zwar noch nicht angezeigt, ein geschärftes Bewusstsein dafür aber schon.

Zumindest ist es wohl weltweit einzigartig, dass sich zwei solche Giganten einer Branche in einer Stadt dieser Grösse befinden. Ähnlich wie bei einem Derby zweier Fussball-Stadtclubs lädt das Duell der beiden Pharma-Lokalrivalen zum regen Vergleichen ein. So ist der neue Novartis-Lenker Vas Narasimhan – gebürtiger Amerikaner indischer Abstammung – mit 41 Jahren erstaunlich jung für einen Konzernchef. Doch Severin Schwan, sein Pendant bei Roche, wurde bereits mit 40 Jahren in das Amt gehievt. Und Schwan punktet auch beim nächsten Vergleich: Er hat länger durchgehalten als Noch-Chef Joe Jimenez, der nach acht Jahren bei Novartis geht. Wieso sollte das jemand interessieren? Jimenez selbst bezeichnete sich bei der Bekanntgabe seines Rücktritts als einer der «am längsten dienenden Chefs der Branche».

Unaufgeregt versus hyperaktiv

Wie im Fussball sind auch in der Wirtschaft der Trainer und das Präsidium wichtig, wenn auch nicht alleinentscheidend. Doch genug mit Sportmetaphern: Die Leistung eines Gebildes mit 100 000 Mitarbeitern und mehr ist viel schwerer zu beurteilen als die einer Einzelsportlerin oder einer elfköpfigen Fussballmannschaft.

Beobachter der beiden Basler Pharmakonzerne nehmen relativ rasch die kulturellen Unterschiede wahr. Auf der Kleinbasler Seite befindet sich das von den Erbenfamilien Oeri und Hoffmann geprägte Traditionsunternehmen Roche – oft unaufgeregt, besonnen, langfristig orientiert. An der linken Rheinuferseite hat sich dagegen eine Firma breitgemacht, die seit der Fusion von Ciba-Geigy und Sandoz stark angelsächsisch geprägt ist. Hektische Betriebsamkeit, Quartalsdenken sowie «Hire and Fire» sind Attribute, die einem zu Novartis einfallen. Und hier sind wir wieder beim Thema Führung: Übervater Daniel Vasella prägte das Unternehmen derart stark, als wäre es sein eigenes gewesen. Es war es aber nicht – allen weltrekordverdächtigen Löhnen, Boni und Aktienzuteilungen zum Trotz.

Vasella prägte nicht nur die Führungskultur, er baute die Firma zudem zu einem regelrechten Konglomerat aus. Dies führte dazu, dass sich immer irgendwo eine Baustelle auftat. Nachfolger Jörg Reinhardt leitete zusammen mit Jimenez eine Bereinigung ein und stiess mehrere Geschäfte ab. Doch mit der Augenheilsparte Alcon verblieb ein Problemkind, das bereits seit rund drei Jahren Kopfschmerzen bereitet. Ob die US-Tochter verkauft werden soll oder nicht, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Ein noch stärkeres Kommen und Gehen ist in der Konzernleitung zu beobachten. Seit 2013 wurde das Führungsgremium mit Ausnahme des Schaffhauser Chefjuristen Felix Ehrat komplett ausgetauscht.

Ein Bonus, der keiner ist

Ganz anders bei Roche. Hier sind fünf der sechs Geschäftsleitungsmitglieder bereits seit fünf oder mehr Jahren dabei. Seit dem Verkauf der rezeptfreien Medikamente 2004 ist die Firma auf Pharma und Diagnostik fokussiert. Daran hält die Firma eisern fest, ob zu Recht oder nicht, wird sich zeigen.

Auf wen würden Sie nun Ihr Geld setzen? Auf die amerikanisch geprägte, teils hyperaktive Novartis oder die zuweilen betuliche, langfristig orientierte Roche? Wird der Amtsantritt von Joe Jimenez im Februar 2010 als Referenzpunkt herangezogen, so geht Novartis knapp als Siegerin hervor: Die Grossbasler verbuchen in dieser Zeit inklusive Dividende eine Performance von 87,6  Prozent, Roche einen Zuwachs von 79,4 Prozent. Auch bei der noch längerfristigen Betrachtung bleibt Novartis überraschenderweise vorne: Eine Performance von 299 Prozent steht einem Zuwachs von 285 Prozent bei Roche gegenüber, nimmt man die Fusion zu Novartis zum Ausgangspunkt. Dabei dachten wir doch, familiendominierte Firmen würden einen Bonus mit sich bringen. Zumindest im Basler Pharma-Stadtderby heisst das: Fehlanzeige.