Gastkommentar

Zu einer Studie, welche die Feiertage aufheben will: Die einsamen Menschen der Denkfabrik

«Im Gegensatz zu einem Unternehmen, das sich Tag für Tag auf dem freien Markt gegen Konkurrenten behaupten muss, legitimiert sich eine «Denkfabrik» entweder durch Originalität oder durch die Analyse wichtiger Themenstellungen», schreibt Peter Hartmeier.

«Im Gegensatz zu einem Unternehmen, das sich Tag für Tag auf dem freien Markt gegen Konkurrenten behaupten muss, legitimiert sich eine «Denkfabrik» entweder durch Originalität oder durch die Analyse wichtiger Themenstellungen», schreibt Peter Hartmeier.

Es muss «Auffahrt» gewesen sein – also einer jener Feiertage mitten in der Arbeits-Woche, an denen sich Väter Zeit für eine Wanderung nehmen. Mit den halbwüchsigen Kindern marschierten wir irgendwo zwischen Obstbäumen und Rebstöcken am Ufer des Bodensees, als mein Sohn meldete: «Da gibts einen Umzug. Mitten auf dem Feld. Und sie singen!» Der «Umzug» entpuppte sich als «Auffahrts-Prozession» praktizierender Katholiken. Angeführt wurde der kleine Umzug hingebungsvoll singender Männer und Frauen durch einen Priester, der ein Kreuz trug.

Als Protestant traute ich zuerst kaum meinen Augen, kannte ich doch solche Bilder nur aus italienischen Filmen. Und gleichzeitig verzauberte mich die friedliche Atmosphäre, welche die Prozession verbreitete. Meinen Kindern erklärte ich, dass wir heute Auffahrt feiern würden – deshalb hätten wir ja alle frei. Gläubige Katholiken würden diesen Auffahrts-Tag mit einer solchen Prozession feiern. Wir alle freuten uns, staunten über die Vielfalt unserer Gesellschaft und dachten nach.

An diese Beobachtung erinnerte ich mich, als ich von eine Studie Kenntnis nahm, die ein Schweizer «Thinktank» namens Avenir Suisse veröffentlichte. Ein «Thinktank» – also eine «Denkfabrik» – erforscht mit erbettelten Geldern wichtige Themen, um, wie zum Beispiel in diesem Fall, Zukunftschancen und Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft zu verbessen. Im Gegensatz zu einem Unternehmen, das sich Tag für Tag auf dem freien Markt gegen Konkurrenten behaupten muss, legitimiert sich eine «Denkfabrik» entweder durch Originalität oder durch die Analyse wichtiger Themenstellungen. Aus liberaler Sicht gäbe es da viele Beispiele: Warum arme Menschen nicht reicher werden, wenn Reiche ärmer gemacht werden. Oder: Warum dank des Welthandels und multinationaler Unternehmen heute mehr Menschen ein besseres Leben führen als vor 30 Jahren, was ja eine wichtige Erkenntnis für ein Land sein könnte, in dem Firmen wie Novartis, Roche, Rolex, Swiss Re und Georg Fischer ihren Hauptsitz haben. «Denkfabriken» können sich aber auch wie Boulevard-Medien auf originelle Themen stürzen, um Schlagzeilen zu produzieren: Die Autoren wählen Themen nur deshalb, weil sie auffallen wollen – nicht deshalb, weil sie wichtig sind.

Die Theoretiker von Avenir Suisse, die im Gegensatz zu Unternehmen kein Produkt verkaufen, aber Aufmerksamkeit erzielen müssen, haben sich für die Variante «Originalität» entschieden. Nur so ist zu erklären, dass sie eine Studie veröffentlichen, in der nachgewiesen wird, dass sich die katholischen Tessiner an einer grösseren Zahl von Feiertagen erfreuen als die protestantischen Appenzell-Ausserrhödler. Und weil das so ist, sollen religiöse Feiertage aufgehoben und dann den Arbeitnehmenden als flexible freie Tage zurückgegeben werden.

Ein Jahr besteht im Schnitt aus 250 Arbeitstagen. Während dieser Zeitspanne werden in der Schweiz Waren und Dienstleistungen im Wert von knapp 700 Milliarden Franken produziert. Dividiert man diese Zahl durch 250 Arbeitstage kommt man auf 2,8 Milliarden Franken Wertschöpfung pro Tag: So viel kostet also theoretisch ein Feiertag, an dem gemeinsam gewandert, gejoggt, gespielt oder bei einer Prozession gesungen wird.

Die offensichtlich einsamen und kinderlosen Singles der Avenir Suisse brauchen weder gemeinsame Feiertage für Familien-Wanderungen noch Zeit für überraschende Entdeckungen konfessioneller Gruppen. Das ist kein Problem; das Problem besteht eher darin, dass die Schweiz glaubwürdigere Verteidiger der Wirtschaft brauchen würde – zumindest solche, die einen realen Bezug zum wirklichen Leben der Menschen haben. Konkurrenzfähigkeit hängt nämlich mit der Tüchtigkeit und Kultiviertheit von Individuen und Familien zusammen.

Peter Hartmeier ist Publizist, Berater und Vorsitzender des Publizistischen Ausschusses von CH Media. Er war Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» und Kommunikationschef der UBS Schweiz.

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