Kommentar

Wird der 20. Oktober zum Frauentag? Zum Jubeln ist es zu früh

Der Frauenstreik trug zur Zunahme der Kandidatinnen bei. Bild: key

Der Frauenstreik trug zur Zunahme der Kandidatinnen bei. Bild: key

Erstmals kandidieren über 40 Prozent Frauen für den Nationalrat. Doch um das «Frauen-Wahljahr» auszurufen, ist es dennoch zu früh. Der Kommentar.

Es war die grösste politische Demonstration der jüngeren Geschichte: Hunderttausende gingen am 14. Juni im Rahmen des Frauenstreiks auf die Strasse. Weniger laut, aber nicht weniger effektiv trommelte derweil die überparteiliche Bewegung «Helvetia ruft» die Frauen hinter der Bühne zusammen, um sie für politische Ämter zu motivieren. Das Resultat zeigt sich nun auf den Wahllisten: Noch nie haben so viele Frauen für den Nationalrat kandidiert – sowohl in absoluten Zahlen als auch prozentual. 40,2 Prozent macht ihr Anteil aus.

Das ist erfreulich. Doch um das «Frauen-Wahljahr» auszurufen, ist es dennoch zu früh. Denn mehr Frauen auf den Listen heisst nicht automatisch mehr Frauen im Parlament. Dafür müssen sie auf aussichtsreichen Listenplätzen stehen – und auch gewählt werden. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigen Auswertungen des Bundesamts für Statistik: Zwar waren Männer, die 1971 noch eine 3,5 mal so hohe Chance hatten, gewählt zu werden, 2015 mit einer Quote von 1,1 nur noch leicht im Vorteil. Trotzdem strichen auch vor vier Jahren vor allem bürgerliche Wähler Frauen von den Listen und ersetzten sie mit Männern. Am deutlichsten zeigte sich dies bei der FDP, bei der Männer eine 1,6 mal höhere Wahlchance hatten.

Weil die linken Parteien bereits zuvor mehr Frauen portierten, ist der aktuelle Schub vor allem den bürgerlichen Parteien zu verdanken, die Nachholbedarf hatten. Und deshalb dürfte die Antwort auf die Frage, ob 2019 tatsächlich zum Frauen-Wahljahr wird, entscheidend vom Verhalten der bürgerlichen Wähler abhängen.

bettina.hamilton-irvine@chmedia.ch

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