Kolumne

Wie umgehen mit der digitalen Revolution: Euphorie oder Verweigerung?

Die Digitalisierungswelle hat längst auch den Bildungsbereich erreicht. (Symbolbild)

Die Digitalisierungswelle hat längst auch den Bildungsbereich erreicht. (Symbolbild)

Kolumnistin Margrit Stamm über unsere Einstellung gegenüber der digitalen Revolution, zu der es keine Alternative gebe.

Für die einen ist Digitalisierung ein Zauberwort, für die anderen ein Begriff, den sie nicht mehr hören können. Doch Digitalisierung ist die Ideologie des 21. Jahrhunderts, die moderne Form eines Naturereignisses, so mächtig und unausweichlich wie das Wetter. Sturm, Hitze und Lawinen kommen jedoch nicht zu uns, weil wir das so wollen, die digitalen Geräte aber schon. Wie anders lässt sich erklären, dass überall in der Welt ruhiggestellte Menschen gebannt auf ihre Smartphones starren? Nicht weil sie müssen, sondern weil die Geräte als nützlich gelten.

Dies blenden Digitalisierungsverweigerer weitgehend aus. Von digitaler Demenz und Kollateralschäden ist die Rede, weil unsere Jugend dumm, dick, gewalttätig und geistig verwahrlosen würde. Dieser Trostlosigkeit setzen Euphoriker ein Weltbild entgegen, das Digitalisierung nicht nur als alternativlos versteht, sondern sie auch mit der Botschaft verbindet, die etwa so lautet: Die neuen Technologien bieten Milliarden von Menschen ein Werkzeug, um nicht nur Zugang zu Wissen und Bildung zu erhalten, sondern auch gemeinsam die Lösung unserer drängendsten Probleme zu erarbeiten.

Beim Thema Digitalisierung diskutieren wir über das Falsche

Die Digitalisierungswelle schwappt schneller auf uns über, als wir dies verarbeiten können. Man beschwichtigt zwar, dass dies bei derart fundamentalen Umwälzungen so sei und ja eine Debatte über die Veränderungen durch Digitalisierung in Ausbildung und Arbeitswelt stattfinde. Dem ist aber kaum so. Diskutiert wird vor allem, wie viel Zeit pro Tag Kinder ein digitales Medium nutzen dürfen oder wie man in einem ruckelnden Zug störungsfreies Streamen von Netflixserien garantieren kann.

Doch wenn Digitalisierungsvisionäre beanspruchen, politische und gesellschaftliche Probleme zu lösen, müssten sie auch sozial- und bildungspolitische Grundsatzfragen in den Mittelpunkt stellen. Bisher sind diese aber eine Black Box. Deshalb verdauen wir aktuell die Digitalisierungsfolgen so schnell, dass sie uns im Magen gar nicht aufstossen können, obwohl sie uns zur Auseinandersetzung mit mindestens drei unbequemen Problemen provozieren würden.

Erstens spricht kaum jemand über die Gefahr der sozialen Spaltung. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass die digitale Revolution zu mehr Bildungsgerechtigkeit verhilft, eher könnte sie die Gesellschaft in einer nicht gekannten Weise polarisieren. Bildungs- und Sozialeinrichtungen müssten deshalb die Menschen darin unterstützen, sich in dem rasanten Prozess zurechtzufinden. Das ist die zentrale Voraussetzung, damit Menschen nicht den Anschluss an die Gesellschaft verlieren. Dies ist nicht lediglich die Aufgabe der Schule, sondern auch der vorsorgenden Sozialarbeit, die junge Menschen in ihrem familiären Umfeld erreichen soll.

Zweitens blendet die Digitalisierungsdiskussion die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in Ausbildung und Arbeitswelt nahezu vollständig aus. Bisher ist das Geschlecht der Digitalisierung vor allem männlich und auf männliche Berufe und Branchen ausgerichtet, weshalb ein markantes Ungleichgewicht im Fokus auf Frauenberufe besteht. Digitalisierungsvisionäre sollten deshalb das Potenzial offenlegen, inwiefern Digitalisierung vermag, die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten aufzubrechen.

Auch die klügste Software kann das Lernen nicht genügend beeinflussen

Drittens ist es die Ausblendung der sozialen und emotionalen Dimension. Damit Lernen das Verstehen provozieren kann, bekommt Beziehung in der Ausbildung eine neue Dimension. Mit Tablets, Internet und App werden lediglich technische Infrastrukturen aufgestellt, doch sozial-emotionales Lernen der Digital Natives lässt sich auch mit der klügsten Software nicht genügend beeinflussen. Die Bedeutung der Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden wird wachsen und damit die Notwendigkeit, zu motivieren und Kreativität anzustossen. Das ist eine sehr grosse Herausforderung für die Schulen.

Zur Digitalisierung gibt es keine Alternative, weil sich das Weltgeschehen nicht rückgängig machen lässt. Gerade deshalb steht die Forderung nach einer Neubelebung des kritischen Geistes im Raum. Darauf verweist auch die Tatsache, dass leitende Angestellte im Silicon Valley ihre Kinder nicht auf In-Techschulen schicken, sondern eher auf Privatschulen, die sich an Zurück-zur-Natur-Prinzipien orientieren.

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