Glosse

Wenn Briten weinen – und singen: Der Letzte macht das Licht aus

Der Brexit ist besiegelt, die Briten singen im EU-Parlament

Abschied von Brüssel: Britische EU-Abgeordnete fassen sich an den Händen und singen «Auld Lang Syne».

Tage des Abschieds für die Briten in Brüssel – eine Glosse.

Aus, fertig, vorbei: Mit grosser Mehrheit segnete das EU-Parlament gestern Abend das Brexit-Abkommen ab. Nun führt nichts mehr vorbei am endgültigen EU-Austritt des Vereinigten Königreichs um exakt 24 Uhr morgen Abend. Für Brexit-Übervater Nigel Farage ist dies der Moment des Triumphs. Nach 27 Jahren im permanenten Kampfmodus, 20 davon im EU-Parlament, verliert er – ganz zu seiner Freude – endlich seinen Job.

«Ich bin wahrhaftig der Truthahn, der sich auf Weihnachten freut», scherzt Farage bei seiner letzten Pressekonferenz. Wobei: Etwas Wehmut kommt auch bei ihm auf. Die grosse Bühne und das Drama werden ihm fehlen. Sei’s drum. Statt nach Brüssel und Strassburg zu pendeln, werde er in nächster Zeit öfter in den USA sein und seinen Freund Donald Trump bei der Wiederwahl zum US-Präsidenten unterstützten.

Britische EU-Abgeordnete weinen bei ihrem letzten Tag in Brüssel.

Britische EU-Abgeordnete weinen bei ihrem letzten Tag in Brüssel.

Aber auch für die restlichen Abgeordneten war der gestrige Tag nicht wie jeder andere. Entsprechend hoch war der Pathos-Faktor in der emotional geführten Schlussdebatte. Die Briten würden «für immer Teil unserer Familie bleiben», beteuerte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Und auch Brexit-Koordinator Guy Verhofstadt, einer der hartnäckigsten Euro-Turbos, liess sich ein «Wir werden euch vermissen» entreissen.

Einige EU-Parlamentarier vergossen sogar Tränen, und allgegenwärtig war die Losung: «Wir sagen nicht Adieu, sondern auf Wiedersehen.» Nach getaner Arbeit stimmte eine beträchtliche Zahl der Abgeordneten die schottische Folk-Hymne «Auld Lang Syne» an, während die Sozialdemokraten britisch-europäische Fussballschals mit dem Aufdruck «Für immer zusammen» in die Höhe hielten.

Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage war zu diesem Zeitpunkt längst abgerauscht.

Mitnehmen mussten er und die seinen aber die kleinen UK-Fähnchenaufsteller, die Parlamentspräsident David Sassoli kürzlich verboten hatte. Für eine letzte Provokation hatten sie die Brexiteers nochmals herausgeholt.

Bleibt nur die Frage, was mit der richtigen britischen Flagge am EU-Parlament geschehen wird? Die Antwort: Nach vollzogenem Brexit wird sie eingeholt und wandert als historisches Dokument ins nahegelegene Haus der Europäischen Geschichte.

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