Gastkommentar

Was soll hier bleiben: Geld oder Kultur?

In seinem Gastkommentar schreibt Olivier Kessler, Vizedirektor beim Think-Tank «Liberales Institut»: «Wer politisch erzwingen will, dass Geld nur in ausgewählten Kreisen zirkulieren darf, wird keinen solchen Lebensstandard erreichen, wie wir uns gewohnt sind.»

«Geld bleibt hier!». Dieser Slogan erfreut sich steigender Beliebtheit. In den Abstimmungskämpfen zum Geldspielgesetz und zum Energiegesetz kam er intensiv zum Einsatz – mit Erfolg. Das ist zwar nachvollziehbar, zugleich aber auch problematisch.

Verständlich ist die Zustimmung deshalb, weil mit dem Slogan in erster Linie die Sicherung des bestehenden Schweizer Wohlstandsniveaus assoziiert wird. Geld müsse hierbleiben, damit wir morgen immer noch so ein wohlhabendes Land sind. So die (fehlgeleitete) Annahme.

Dem Ökonomen stellen sich dabei alle Haare zu Berge. Er kommt sich vor wie ein Naturwissenschaftler, dem erzählt wird, dass es hoch oben auf den Bergen wesentlich wärmer sein müsse als unten, weil man der Sonne dort näher sei. Genauso absurd ist die Behauptung, dass wir unseren Wohlstand mit einer protektionistischen «Geld bleibt hier»-Politik sichern könnten.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass wirtschaftliche Abschottung nicht zu Wohlstand, sondern im Gegenteil zu ärmlichen Verhältnissen führt. Schon vor über 200 Jahren stellte David Ricardo seine Theorie der komparativen Kostenvorteile auf. Er führte uns eindrücklich vor Augen, dass Arbeitsteilung und freier internationaler Handel allen Beteiligten Vorteile bringen, selbst jenen Ländern, die bei allen Gütern Kostennachteile haben.

Die durchschnittlichen Einkommensgewinne pro Einwohner sind aufgrund der zunehmenden Globalisierung zwischen 1990 und 2014 stark angestiegen: in Frankreich um 650 Euro, in Italien um 780 Euro und in Deutschland um 1130 Euro pro Jahr. Die Schweiz als relativ offenes Land verzeichnete pro Kopf sogar einen jährlichen Anstieg von 1360 Euro.

Indem wir also akzeptieren, dass Geld nicht hierbleiben muss, sondern durchaus auch im Ausland ausgegeben werden darf, können wir unseren Lebensstandard verbessern. Wir müssen heute weniger arbeiten, um das gleiche Einkommen zu erwirtschaften wie noch vor 30 Jahren.

In einem Regime offener Märkte, in dem man nicht von der Politik gezwungen wird, seine Einkäufe im Inland zu tätigen, steht den Menschen eine wesentlich grössere Produktpalette zur Verfügung. Je grösser das Angebot, desto grösser ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass auf die eigenen Bedürfnisse und Präferenzen zugeschnittene Produkte bezogen werden können. Sei es, indem man das entsprechende Angebot wesentlich günstiger kriegt oder indem man aus komplett neuartigen Produkten auswählen kann, die im Inland nicht produziert werden – man denke hier etwa an Smartphones und Computer.

Andererseits intensiviert sich mit steigenden Wahlmöglichkeiten auch der Wettbewerb der Anbieter um die Gunst der Kunden. Die Unternehmen können sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, sondern müssen sich darum bemühen, die Qualität und die Preise ihrer Produkte zu verbessern, um nicht von der Konkurrenz überholt zu werden. Dieser Wettbewerb auf freien Märkten ist der elementare Pfeiler der Innovation und des Fortschritts.

Wenn wir ernsthaft glauben, den Schweizer Wohlstand anheben oder sichern zu können, indem wir die Geldflüsse ins Ausland stoppen, dann sollte diese Annahme ja eigentlich auch für die Bevölkerung eines einzelnen Kantons gelten, die ihren Wohlstand dann steigern könnte, wenn diese ihr Geld nur noch im eigenen Kanton ausgibt. Dasselbe gälte dann für die Bevölkerung jeder Gemeinde und letztlich auch für den Kreis der Familienangehörigen. Was, wenn jeder sein Geld nur noch bei sich behalten würde – ganz nach dem Motto «Geld bleibt hier»? Würden wir uns dann in eine wohlhabende Gesellschaft verwandeln? Wohl kaum.

Unser Wohlstand beruht letztlich auf der arbeitsteiligen Gesellschaft, wobei jeder das tut, was er am besten kann und seine Erzeugnisse jenen verkauft, die etwas anderes produziert haben. Dieser freie Austausch von Geld und Waren auf freien Märkten ist es, der jeder Gesellschaft zu Reichtum verhilft. Wer politisch erzwingen will, dass Geld nur in ausgewählten Kreisen zirkulieren darf, wird nicht annähernd einen solchen Lebensstandard erreichen, wie wir uns heute gewohnt sind.

Vielmehr sollten wir uns besser auf das Motto «Kultur bleibt hier» einigen. Der Schweiz geht es heute deshalb so gut, weil sie während langer Zeit von einer Kultur der Freiheit, relativ offener Märkte und einer zurückhaltenden Regulierung geprägt war. Auf diesen liberalen Ordnungsrahmen sollten wir uns zurückbesinnen, wenn wir wollen, dass wir auch in Zukunft immer noch prosperieren und gedeihen.

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