Meinung

Warum Viola Amherd ein Glücksfall ist

Stefan Schmid

Stefan Schmid

Grünen-Chefin Regula Rytz träumt von einem Bundesratssitz auf Kosten der CVP. Es wird beim Träumen bleiben: Denn CVP-Verteidigungsministerin Viola Amherd ist die Polit-Entdeckung des Jahres.

Die Grünen trachten bereits nach einem Bundesratssitz. Beduselt von den guten Prognosen, palavert Parteichefin Regula Rytz seit Wochen über den baldigen Einzug der Ökopartei in die Landesregierung. Geschielt wird dabei auf den Sitz der CVP, die in den Wahlen vom 20. Oktober gemäss Umfragen hinter die Grünen fallen könnte.

Abgesehen davon, dass für die Bundesratswahl nicht nur die Wähleranteile, sondern auch die Anzahl Sitze in der Vereinigten Bundesversammlung entscheidend sind, trifft der Rytz’sche Pfeil mit Viola Amherd definitiv die Falsche. Wenn jemand in den vergangenen Wochen und Monaten aus einem politisch wenig zupackenden Regierungskollektiv hervorgestochen ist, dann ist es die Oberwalliserin.

Erfrischend, wie sie auf die Menschen im Land zugeht. Eindrücklich, wie sie sich in kürzester Zeit im testosterongeschwängerten Verteidigungsdepartement eingelebt und eingearbeitet hat. Erquicklich, wie sie Entscheide unabhängig von Druckversuchen und tradierten Verhaltensmustern fällt. Amherd, einst unscheinbare Vizefraktionschefin aus dem Wallis, ist die Entdeckung des Politjahres 2019. Die Schweiz hat nicht die beste Armee der Welt. Dafür aber die talentierteste Verteidigungsministerin weit und breit.

Jüngstes Beispiel: Die Ernennung des 52-jährigen Divisionärs Thomas Süssli zum neuen Chef der Armee. Niemand hatte den langjährigen Milizoffizier und Cyberspezialist auf der Rechnung. Schon gar nicht die obersten Berufskader im VBS, die selber mit dem prestigeträchtigen Posten geliebäugelt hatten. Unbekümmert auch, wie Amherd versucht, die Anzahl Gegengeschäfte im Zuge der Kampfjetbeschaffung auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren. Diese sogenannten Offset-Deals haftet der Ruf an, den Kaufpreis in die Höhe zu treiben.

Die politisch eingemittete, ein modernes Rollenverständnis verkörpernde Amherd ist für die CVP ein Segen. Nach dem Rücktritt von Strahlefrau Doris Leuthard befürchteten viele, eine graue Maus im Bundesrat könnte den Niedergang der Partei beschleunigen. Nun ist das Gegenteil der Fall. Auch wenn Amherd die Partei nicht zurück auf die Siegerstrasse führen kann, trägt sie doch zu einer positiven Wahrnehmung bei. Hinzu kommt: Die CVP hat ihre Regierungsbeteiligung weit über diese Wahlen hinaus auf sicher. Niemand, auch Regula Rytz nicht, wird es im Dezember wagen, die im Volk beliebte Frau abzuschiessen.

Amherd ist darüber hinaus ein Glücksfall für die Armee. Nach Jahren erfolgloser SVP-Männerherrschaft bietet sich der CVP-Frau die Chance, der Landesverteidigung die dringend nötige Modernisierung zu verpassen. In erster Linie bedeutet dies: Amherd muss dem Volk die Erneuerung der Luftwaffe, ein schlüssiges Konzept zur Boden-Luft-Verteidigung sowie den Ersatz der schweren Kampfmittel am Boden schmackhaft machen. Darüber hinaus könnte sie Akzente in Richtung allgemeiner Dienstpflicht setzen, um so die Rekrutierungsbasis der Armee substanziell zu verbreitern und einen Beitrag zur Gleichstellung von Frau und Mann zu leisten.

Weitgehend unbestritten ist, dass die Schweiz im Grundsatz eine Armee braucht. Unbeantwortet aber die Frage, welche Armee es denn sein muss. Wie sieht eine moderne Landesverteidigung in Zeiten der Digitalisierung aus? Wie lassen sich Neutralität und die Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten in Friedenszeiten kombinieren? Weder Guy Parmelin noch Ueli Maurer – die beiden Vorgänger Amherds – haben diese Fragen beantworten können.

Der Start ist geglückt, gewiss. Doch noch hat die 57-jährige Brigerin nichts gewonnen. Im Haifischbecken Bundesbern lauern auf die erste Frau an der Spitze des VBS nach wie vor jede Menge Fettnäpfchen. Man kann in diesem Dossier vieles falsch machen.

Das Säbelrasseln der Grünen-Chefin können wir indes getrost ignorieren. Die Schweiz kann froh sein, ihre Sicherheit im Schoss einer politisch begabten und mit psychologischem Fingerspitzengefühl ausgestatteten Frau zu wissen. Viola Amherd wird wohl noch für manche positive Überraschung sorgen.

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