Kolumne

Von sprachlichen Moden und Marotten: Die Fremden unter den Wörtern

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Schriftsteller Petro Lenz über Lehn- und Fremdwörtern, und Hybriden. Und er stellt fest: Nicht alles, was wir sprachlich als falsch empfinden, muss tatsächlich falsch sein.

Bekanntlich hat jede Sprache Lehnwörter, die sie von andern Sprachen entlehnt. Genau genommen ist allerdings «Lehnwort» der falsche Begriff, weil ja beim Entlehnen davon ausgegangen wird, das Lehnverhältnis sei zeitlich beschränkt. Viele Lehnwörter dagegen sind schon so lange entlehnt, dass wir als Benützer dieser Wörter glauben, sie hätten uns immer schon gehört. Ein Beispiel hierfür ist etwa das deutsche Wort «Mauer», das vom lateinischen «murus» entlehnt ist.

Etwas anders verhält es sich mit den Fremdwörtern. Ihnen hört man meist auch nach langem Gebrauch noch an, dass sie fremd sind. Anders als Lehnwörter werden Fremdwörter normalerweise nicht der neuen Sprache angepasst, sondern unverändert übernommen. Zu den Fremdwörtern zählen Begriffe wie «Ideal», «Automobil» oder «Rock ’n’ Roll».

Zuweilen ist die Grenze zwischen Lehn- und Fremdwörtern fliessend. Besonders gut assimilierte Fremdwörter werden von den Sprechenden bald einmal als Lehnwörter empfunden. Einen Spezialfall bilden die verhältnismässig neuen Fremdwörter, bei denen im Alltag oft noch Zweifel über die korrekte Aussprache vorherrschen. Muss bei einem «Entrecôte» auf Deutsch der «R» erst nach dem zweiten «E» gesetzt, das erste «E» zu einem «A» umgewandelt und die Endsilbe verlängert werden, sodass besagtes Fleischstück auf Deutsch zu einem «Antercoot» wird? Darf das «Steak» auf Deutsch «Schtiik» heissen, weil die englische Vokalfolge «EA» in anderen englischen Begriffen als langes «I» ausgesprochen wird? Oder wie verhält es sich mit Italianismen, die auf Italienisch niemand kennt? («Saletti Salametti», «Salutti Tutti Frutti»)? Da die genannten Beispiele weder den Lehnwörtern noch den Fremdwörtern zuzuordnen sind, sei hier für solche Begriffe die Bezeichnung «Hybriden» vorgeschlagen.

Wer sich umhört, merkt, dass es zu den Unsitten unserer Zeit und Gesellschaft gehört, vieles das als ungewohnt empfunden wird, abzulehnen. Mit der neuen Wortgruppe der «Hybriden» könnte wenigstens in der Sprache ein wenig wohlwollende Grosszügigkeit propagiert werden. Wer bei eigenartigem Gebrauch eines Fremdworts korrigiert wird, könnte zu seiner Verteidigung einwenden, es handle sich beim kritisierten Begriff um einen linguistischen Hybriden.

Nicht alles, was wir sprachlich als falsch empfinden, muss tatsächlich falsch sein. Dass etwa der «Puck», der wichtigste Protagonist jedes Eishockeyspiels, in hiesigen Umgangssprachen als «Pögg» ausgesprochen wird, hat mit falsch oder richtig nichts zu tun. Viel eher akzeptieren wir mit der Aussprache «Pögg» den Umstand, dass nicht alle Deutschschweizer korrektes Englisch verstehen. Wir müssen demnach Fremdwörter, die sich in der Aussprache, in der Bedeutung oder in beidem vom Originalbegriff unterscheiden, nicht reflexartig korrigieren oder ablehnen.

Viel lebensbejahender wäre es, sie als Hybriden zu bezeichnen, ist doch «hybrid» ein Begriff, der sich zurzeit auch in der Automobilindustrie grosser Beliebtheit erfreut.

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