Polemik

Verfluchte Höflichkeit

«Die Frau bedankt sich über den Lautsprecher «herzlichst» für die «ruhige und geduldige Art» der Passagiere.  Das ist echt mies. Diese Freundlichkeit macht es unmöglich, so richtig stinksauer auf die SBB zu sein.»

«Die Frau bedankt sich über den Lautsprecher «herzlichst» für die «ruhige und geduldige Art» der Passagiere. Das ist echt mies. Diese Freundlichkeit macht es unmöglich, so richtig stinksauer auf die SBB zu sein.»

Auf Höhe Langstrasse, 500 Meter vor den Gleisen des Zürcher Hauptbahnhofs macht plötzlich die Lokomotive schlapp.

Für die nächsten 62 Minuten bewegt sie sich keinen Millimeter. Freilich steigt auch bald die Klimaanlage aus.

Erste Passagiere rutschen unruhig auf ihren Sitzen hin und her. Doch bevor die Luft im Zug langsam dick wird, schreitet der Kondukteur mit einem Schlüssel durch alle Wagen und öffnet die Kippfenster.

In Altstetten bestelle der Zugführer gerade eine Ersatzlok, meldet die Durchsage.

Die Lok sei nun unterwegs, heisst es nach 15 Minuten. Die Lok müsse über den Bahnhof Zürich und wenden, damit sie vorne an den Zug gehängt werden kann.

Die Lok sei nun angehängt. Jetzt müssten wir nur noch warten, bis ein Gleis frei werde. In Kürze gehe es los.

Die Kondukteurin erklärt höflich jeden einzelnen Schritt auf deutsch, französisch, englisch und italienisch. Und nach einer Stunde tuckert der Zug in Schritttempo weiter. Die Frau bedankt sich über den Lautsprecher «herzlichst» für die «ruhige und geduldige Art» der Passagiere.

Das ist echt mies. Diese Freundlichkeit macht es unmöglich, so richtig stinksauer auf die SBB zu sein.

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