Kolumne

Sprachliche Moden und Marotten: Vom Heulen mit Keulen

In ihrer schlankeren Variante, dem Baseball-Schläger, findet die Keule zumindest bei braunen Schlägerbanden bis heute Verwendung.  (Symbolbild)

In ihrer schlankeren Variante, dem Baseball-Schläger, findet die Keule zumindest bei braunen Schlägerbanden bis heute Verwendung. (Symbolbild)

Die Keule ist eine steinzeitliche Waffe. In modernen Kriegen kommt sie nicht mehr zum Einsatz. Aber in ihrer schlankeren Variante, dem Baseball-Schläger, findet die Keule zumindest bei braunen Schlägerbanden bis heute Verwendung. Dass es sich bei der Keule um ein primitives und brachiales Instrument handelt, brauchen wir nicht speziell zu erwähnen. Interessant scheint allerdings die verhältnismässig neue Verwendung des Begriffs Keule in sprachlichen Zusammenhängen. Wir finden diese neue Verwendung auffällig oft in Leserkommentaren im Zusammenhang mit der Abwehr von Nazi- oder Rassismus-Vorwürfen.

Wenn im Thurgau zum Beispiel einer Adolf Hitler in Schutz nimmt vor der «einseitigen Perspektive der heutigen Geschichtsschreibung», dann ist die Erwähnung der Keule nicht mehr weit. Das geht so: Zuerst twittert also besagter Thurgauer, er sehe in Adolf Hitler «nicht nur den menschenverachtenden, bösartigen Tyrannen und Diktator». Dann wird der Mann, der dies getwittert hat, öffentlich zur Rechenschaft gezogen. Und gleichsam reflexartig folgen die Leserkommentare, die beklagen, es sei eine Sauerei, dass man heutzutage nicht einmal mehr den Hitler ein bisschen loben könne, ohne dass gleich die «Nazi-Keule» geschwungen werde.

Wenige Tage später zeigt ein Schweizer Bürger im Netz das Bild eines Affen, der den Fussball-WM-Pokal in den Händen hält. Im Fussball kommt es immer noch vor, das schwarze Spieler mit Affengeräuschen diskriminiert werden. Nicht selten werden schwarze Fussballer von gegnerischen Fans auch mit Bananen beworfen, als wären sie Affen im Zoo. Also folgerten manche Medien, beim Typen, der im Netz einen Affen mit einem WM-Pokal zeigt, handle es sich um einen Rassisten, der die schwarzen Spieler des Fussball-Weltmeisters Frankreich dem Affen gleichstellen will.

In Anbetracht der oben erwähnten Demütigungen schwarzer Fussballer ist eine solche Interpretation durchaus nachvollziehbar. Aber sie trifft beim rassistischen Teil der Bevölkerung auf wenig Verständnis. «Jetzt kommt wieder die schleimige Rassismus-Keule», schreibt dazu ein Leser in einem Online-Kommentar. Inwiefern das Adjektiv «schleimig» zu einer Keule passt, wäre vielleicht einmal separat zu untersuchen.

Interessanterweise sind es meistens die Verbreiter brauner oder rassistischer Gedanken, die mit dem Begriff der «Keule» operieren. Sie werfen ihren Kritikern vor, eine Keule zu schwingen. Erst sagen sie irgendeine Schweinerei, und wenn sie dafür kritisiert werden, beschweren sie sich, man dürfe bald nichts mehr sagen, ohne dass diese oder jene Keule gegen sie erhoben werde.

Wer mit diesem Keulen-Geheul angefangen hat und wieso meist ausgerechnet besonders derbe Menschen ihren Kritikern unterstellen, ein derart plumpes Werkzeug wie die Keule zu benutzen, bleibt unklar.

Sicher ist immerhin, dass sich bisher niemand beklagt hat, gegen ihn werde die Antifaschismus-Keule oder die Gutmenschen-Keule oder die Demokraten-Keule geschwungen.

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