Kolumne

Social-Media-Star Gülsha schämt sich für den Red-Bull-Chef – und ärgert sich über den Sonntagsbrunch

Nichts, was Spass macht, ist moralisch vertretbar.

Nichts, was Spass macht, ist moralisch vertretbar.

Gülsha Adilji über den Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz.

Parallel zu dieser Kolumne stecke ich mitten in einer Diskussion zum Thema Sonntagsbrunch. Ich fühle mich von meiner Mitorganisatorin alleine gelassen. Ständig sende ich ihr via Whatsapp vegane Palatschinken-Rezepte, Instagram-Tutorials mit Hashtag HowToMargarita sowie meine Ideen, was die Zu-wenig-Stühle-Situation angeht. Von ihr kommt nichts zurück, nie. Also doch, es kommt schon was zurück, aber nichts, was unseren von langer Hand geplanten Brunch betreffen würde – zumindest den von mir von langer Hand geplanten Brunch, sie macht sich ja keine Gedanken darüber. Sie sendet mir stattdessen das Interview mit dem CEO von Red Bull. Danke für gar nüt.

Ich lese es mässig interessiert, weil ich mich nerve, dass meine Freundin noch immer nicht definitiv geantwortet hat, ob wir den Brunch bei ihr oder mir machen, vergesse das aber schnell und bin nach der dritten Interview-Frage nur noch überrascht über die Antworten von Herrn Red Bull. Mit jeder gelesenen Zeile bin ich ehrlich froh, dass ich nie auf irgendeiner Gehalts-, Reise- oder Ambassadoren-Liste dieser Marke gestanden habe. Ausserdem bin ich irgendwie enttäuscht, dass ich schon wieder was auf die Wall of Shame pinnen muss und nicht mehr sorglos an irgendwelche Gratis-Red-Bull-Konzerte kann, weil es ab jetzt ein politisches Statement wäre dort aufzutauchen. Zumindest für mich. Schon wieder was, das sich nicht mit meiner Weltanschauung vereinbaren lässt und worüber ich mit jedem, der grad in der Nähe steht und nicht rechtzeitig den Absprung schafft, reden muss. So auch mit Ihnen. Ich bin echt anstrengend. (Ausser bei dieser ganzen Brunch-Angelegenheit, da versuche ich mich zurückzuhalten und lösungsorientiert alles zu koordinieren, jemand muss es ja machen.)

Man schämt sich beinahe für jedes je getrunkene Red Bull

Der Chef des berühmtesten Energy-Drinks der Welt, Dietrich Mateschitz, spricht mit der «Kleine Zeitung» unter anderem auch über die Migrations- bzw. Flüchtlingssituation in Europa: «Es werden viele Hunderte Millionen von Menschen in einen für sie besseren Lebensraum wollen, wo es noch Trinkwasser gibt, eine intakte Natur und wo Menschenrechte gelten. Und das ist dann politisch nicht mehr regulierbar – ausser man wirkt rechtzeitig den Ursachen entgegen.» Das Streben nach sauberem Trinkwasser und einer sicheren Existenz ist jetzt nichts, was man einem anderen Menschen verwehren sollte als Humanist, wie er sich selbst bezeichnet.

Auch sein wiederholtes «ich spreche nicht von den Flüchtlingen nach Genfer Konvention» ist in sich nichts Verwerfliches. Das ist eine Rhetorik, die ähnlich funktioniert wie die in Arbeitszeugnissen: Es steht zwar etwas Neutrales, aber wir alle wissen, was «Hat alle Arbeiten immer in nützlicher Frist erledigt» bedeutet. Sehr stutze ich, als er den orangen Mann mit steilem Hang zu rassistischen Aussagen als gar nicht mal so dumm bezeichnet: «Ich glaube nicht, dass er so ein Idiot ist, wie man ihn hinstellt.» Man schämt sich schon beinahe für jedes Red Bull, das man je getrunken hat. Verstehen Sie mich nicht falsch: Jeder darf rechts, links, Mitte, oben, unten, Jake oder Edward, dafür hat es in einer Demokratie Platz. Es möchte sich aber nicht jeder Red-Bull-Konsument einen Teil von Mateschitzs Wertvorstellungen Dose für Dose einverleiben, ihn so noch vermögender und seine bereits jetzt als rechtsgerichtet beschriebene Multimedia-Plattform noch einflussreicher machen.

Nichts, was Spass macht, ist moralisch vertretbar

Es ist sehr frustrierend: Nichts wird einem gelassen. Nichts, was Spass macht, ist ökologisch, gesund oder moralisch vertretbar. Ich entscheide mich jetzt also endgültig, die Guacamole wegzulassen für den Brunch, nicht nur, weil die Avocado zweimal um die Welt gekarrt wurde. Vor allem verbraucht sie viel zu viel Wasser in der Produktion, nämlich knapp 500 Liter pro Stück, und seit heute weiss ich, dass ein reicher weisser Mann etwas gegen durstige Menschen hat in seinem Land.

Gülsha Adilji ist Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG.

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