Tragfähigkeit

Rentner haben Hypo-Sorgen

Seit die Raiffeisen-Banken angekündigt haben, jungen Familien die Hürden für die Gewährung einer Hypothek zu senken, ist in den Führungsetagen von Regionalbanken Feuer im Dach. (Archivbild)

Seit die Raiffeisen-Banken angekündigt haben, jungen Familien die Hürden für die Gewährung einer Hypothek zu senken, ist in den Führungsetagen von Regionalbanken Feuer im Dach. (Archivbild)

In seiner Kolumne schreibt Wirtschaftspublizist Markus Gisler heute über die Tragfähigkeitsregel, die zu Härtefällen bei Rentnern führen kann.

Seit der Chef der Raiffeisen-Banken, Patrik Gisel, angekündigt hat, er wolle für junge Familien die Hürden für die Gewährung einer Hypothek senken, ist in den Führungsetagen von Regionalbanken Feuer im Dach. Zwar musste Gisel etwas zurückkrebsen, doch er hat vielen kleineren Banken aus dem Herzen gesprochen.

Tatsache ist, dass die von der Schweizerischen Nationalbank und der Bankenaufsichtsbehörde Finma festgesetzte Tragbarkeitsregel für die Vergabe von Hypotheken vielen Regionalbanken zu rigide ist, und manche fragen sich, ob sie die Regel nicht unterlaufen sollen.

Bekanntlich verlangt die Regel, dass die Zinsen bei einem theoretischen Hypozins von fünf Prozent, zuzüglich ein Prozent für Nebenkosten, maximal einen Drittel des Einkommens des Hypothekarschuldners nicht übersteigen dürfen. Die Regulatoren wollen mit dieser Barriere verhindern, dass es bei einer allfälligen Zinserhöhung nicht wieder zu einem Immobiliendebakel wie Anfang der Neunzigerjahre kommt.

Unbestritten ist, dass bei der Vergabe von Neuhypotheken Vorsicht am Platz ist, und einleuchtend ist auch, dass die derzeit rekordtiefen Zinsen irgendwann wieder Richtung Normalität tendieren werden. Doch angesichts der auch langfristig eher düsteren Wirtschaftsprognosen finden viele Banker diese total sechs Prozent als eine völlig unrealistisch hohe Hürde.

Nicht zu leugnen ist, dass die Banken ihre eigene Erfolgsrechnung im Auge haben. Sie leiden unter dem tiefen Zinsniveau beziehungsweise unter den Negativzinsen. Seit Jahren wirft das klassischste aller Bankgeschäfte, das Zinsgeschäft, kaum mehr einen Ertrag ab. Genau deshalb sind die Banken so erpicht darauf, wenigstens noch Hypotheken vergeben zu können. Ein bis zwei Prozent Zins ist immer noch besser als nichts oder Negativzinsen, auch wenn damit die Kosten kaum noch gedeckt werden können.

Problematisch sind Tragfähigkeitsregeln aus Sicht jener Schuldner, die schon vor Jahren eine Hypothek aufgenommen haben und ins Rentenalter übertreten. Plötzlich werden sie mit den rigiden Vorschriften konfrontiert, wenn die Banken ihre periodische Überprüfung durchführen und feststellen, dass ein Schuldner in Rente die Tragfähigkeitskriterien nicht mehr erfüllt.

Ein Beispiel veranschaulicht, was das im Einzelfall bedeuten kann: Eine Hypothek von einer Million Franken zu aktuell beispielsweise 1,7 Prozent Zins kostet einen Schuldner jährlich 17’000 Franken. Scheidet diese Person aus dem Berufsleben aus, wird die Bank die Tragbarkeit neu prüfen.

Bei der heute geltenden Regel (fünf Prozent plus ein Prozent Nebenkosten) muss dieser Schuldner plötzlich in der Lage sein, rein theoretische Zins- und Nebenkosten von 60'000 Franken bezahlen zu können. Das würde ein jährliches Einkommen von 180'000 Franken voraussetzen, wenn die Hypothekarkosten nicht mehr als einen Drittel des Einkommens betragen dürfen. Es ist offensichtlich, dass dies viele Hypothekarschuldner ins Elend treibt.

Weil die Banken angehalten sind, diese Tragfähigkeitsregeln durchzusetzen, verlangen sie in diesen Fällen eine Abzahlung der Hypothek. Wäre im obigen Beispiel der Schuldner oder die Schuldnerin in der Lage, seine Hypothek mit gespartem Vermögen um eine satte halbe Million zu reduzieren, betrüge die theoretische Belastung immer noch 30'000 Franken, also immer noch fast das Dreifache der aktuellen Belastung von 17'000 Franken. Unser Pensionär oder unsere Pensionärin müsste mit AHV, BVG und allfälligen weiteren Einkünften auf 90'000 Franken jährlich kommen, was für die allermeisten Rentner völlig unrealistisch ist.

Weil im Rentenalter die Lebenshaltungskosten deutlich sinken, macht die aufoktroyierte Tragbarkeitsregel keinen Sinn. Gefragt wäre vielmehr gesunder Menschenverstand beziehungsweise eine individuelle Beurteilung der Lage. In Zeiten, wo den Banken mit einer Flut von Vorschriften das letzte Detail des Geschäftsverhaltens vorgeschrieben und die persönliche Urteilsfähigkeit des Kreditsachbearbeiters nicht mehr gefragt ist, sind unnötige und unmenschliche Härtefälle vorprogrammiert. Es wäre durchaus an der Zeit, den Banken etwas mehr Spielraum zu gewähren.

Angesichts der für die Pensionskassen dramatischen Zinssituation und der entsprechend sinkenden Umwandlungssätze sind die künftigen Rentner schon hart genug geprüft.

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