Kommentar

Philipp Müller will Rentenalter abschaffen: Warum das ein Schritt in Richtung Anarchie ist

FDP-Ständerat Philipp Müller während einer Veranstaltung 2018 in Suhr.

FDP-Ständerat Philipp Müller während einer Veranstaltung 2018 in Suhr.

Der abtretende FDP-Ständerat Philipp Müller schlug in einem Interview im «Blick» einen «Befreiungsschlag» vor: «Schafft das Rentenalter ab!» Der heute 67-Jährige will allerdings nach dem Abschied aus der Politik selbst nicht in Rente gehen, sondern wieder Generalbauunternehmer werden. Für ihn stimmt es so. Für die anderen fordert er: «Es braucht jetzt einen grossen Wurf: Man könnte beispielsweise das Rentenalter total flexibilisieren oder gleich ganz abschaffen!»

Es ist schon erstaunlich, auf welch «sozialistische» Ideen Politiker kommen, welche sich selbst nie anders als «bürgerlich-liberal» bezeichnet haben würden. So forderte FDP-Ständerat Philipp Müller in einem «Blick»-Interview zu seinem Abschied aus der Politik: «Schafft das Rentenalter ab!» Man darf Müller zugute halten, dass er auch in seiner Rolle als Politiker a) nie ein Blatt vor den Mund nahm und b) mit dem kritischen Denken nicht aufhörte.

Natürlich passte das jeweils nicht allen und man kann durchaus auch anderer Meinung sein und Müllers Gedanken/Ideen nicht zustimmen. Aber letztlich «lebt» unser System von solchen Differenzen und etwas, was lebt, ist alleweil besser als etwas Starres.

Für viele ist ein solcher Wunsch übermächtig. Es gibt sogar solche, die es sich zum Lebensinhalt ihrer ersten Lebenshälfte gemacht haben. Sie setzen sich ein Ziel: «Mit 45 aufhören!» und unterwerfen sich einem rigorosen Sparregime, um es zu verwirklichen.

Dass dazu auch ein Plan gehört, wie es nach dem Sparen weiter gehen soll, damit das Ersparte auch wirklich lebenslänglich Freizeit zu finanzieren vermag und das mit ziemlicher Unsicherheit verbunden ist, ist eine andere Frage.

Gibt es eigentlich «Zahler», «Sparer», «Bezüger», «Profiteure» – und all das?

Warum ist jetzt Müllers Vorschlag «sozialistisch» und nicht «freiheitlich», denn er führt ja unbezweifelbar zu mehr persönlicher Freiheit – wenigstens was die «Verrentung» betrifft. Dazu muss man etwas ausholen. Das System, das wir heute haben, ist – wie fast alles, was die Politik zustande gebracht hat, – ein Kompromiss.

Der Kompromiss verbirgt sich hinter der Sprachregelung, dass «man fürs Alter spart» und dass «es jemanden (den Arbeitnehmer) gibt, der für die Altersvorsorge einzahlt». Der Beitrag an die AHV wird vom Lohn abgezogen und der Arbeitgeber bezahlt «die andere Hälfte». Schon das müsste zu denken geben, denn der Arbeitgeber bezahlt nicht nur die Hälfte, sondern alles. Ob er zuerst dem Lohnempfänger überweist und der dann der AHV, spielt eigentlich keine Rolle.

Der Kompromiss hat den Zweck, das System finanztechnisch in der Balance zu halten. 65 Jahre (plus minus) ist eine Stellschraube und die AHV-Prozente eine andere. Die zusätzlichen Finanzierungsmöglichkeiten (Spielcasinos, Tabak, Mehrwertsteuer etc.) kann man mal weglassen.

Die Sprachregelung lässt das System irgendwie «gerecht» aussehen. Denn es gerät leicht aus den Fugen. Weniger Lohnempfänger sollen mehr Rentenempfänger «finanzieren», die junge Generation «zahlt drauf». Dabei geht es im Kern nicht um «zahlen» und «empfangen», sondern um «verteilen».

Das System legt fest, wie das Sozialprodukt verteilt wird. Wer bekommt wie viel? Wie viel der Lohnempfänger bekommt, überlässt man dem (Arbeits-)Markt. Und dort ist der entscheidende Punkt, dass der Arbeitgeber seine Arbeitskosten kalkuliert, mit denen er glaubt, noch profitabel produzieren zu können.

Die Sozialstrukturen der Vergangenheit (Familie, Sippe) haben wir ziemlich abgebaut. Trotzdem oder gerade deswegen hat es kein Zeitalter gegeben, in dem der Staat so viel umverteilt hat. Im Schnitt um die 50 Prozent des Sozialprodukts. Die AHV-Probleme haben ihren Ursprung darin, dass ein grösserer Anteil des erwirtschafteten Sozialprodukts für die Alten umverteilt werden sollte (weil es mehr Leute gibt, welche eine Rente zugut haben).

Jedem, wie er gern will– sympathisch, aber weniger Steuerung und mehr Staat

Warum ist mehr persönliche Wahlfreiheit «sozialistisch»? Wenn man das System «befreit», das heisst: mehr Wahlmöglichkeiten oder Differenzierungen einbaut, was zu mehr Stellschrauben führt, erhöht das den staatlichen Regulierungsbedarf enorm. Die Verwaltung muss ausgebaut werden, weil es komplizierter wird. Aber auch weil das System in der Balance bleiben muss.

Die Arbeitgeber müssen mit mehr Fluktuation zurecht kommen, denn es ist anzunehmen, dass gerade die qualifizierten Angestellten Sonderwünsche haben. Die Systemsteuerung wird ebenfalls schwieriger. Denn man kann das System nicht völlig dem Markt überlassen.

Die Renten sind systemisch wichtig für die gesamtgesellschaftliche Nachfrage. Das hat uns Griechenland – unter anderem – gelehrt. Natürlich kann man einen Kompromiss immer verbessern. Aber das Rentenalter abschaffen, wäre systemtechnisch ein Schritt in Richtung Anarchie.

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