Manchmal, wenn ich im Zug sitze und wegen leerem Akku gezwungen bin, meine Gedanken schweifen zu lassen, frage ich mich, wie zum Teufel ich hier gelandet bin. Also nicht im Zug, sondern in meinem Beruf. Es ist, als würde ich einen Platz einnehmen, den eigentlich jemand Talentierteres haben sollte – aber weil grad niemand anderes da war, bin halt ich da. Wie ein Sanitäter im Ersten Weltkrieg. Natürlich würde ein echter Arzt das Bein professioneller amputieren, aber in der Not macht es der, der grad in der Nähe steht; also operiere ich Schusswunden mit einem stumpfen Löffel, und die Leute klatschen. Mit Freudentränen in den Augen.

Ich weiss sehr wohl, dass ich nicht durchgehend frei von Talent oder Können bin. Aber ich weiss eben auch, dass ich in keinem Bereich wirklich brilliere. Ich bin nicht superschlau: Seit den zwei abgebrochenen Semestern an der Uni kommt mein Wissen von Youtube-Dokus, die ich meistens nicht länger als sieben Minuten schaue. Und falls doch, dann nur, weil ich mich parallel durch die Insta-Storys von Influencern klicke. Ich habe absolut keinen Style: Mein Händchen für Wohnungseinrichtungen oder die Auswahl von Kleidern ist auf dem Niveau eines achtjährigen Steiner-Schülers. Und meine Kreativität ist kein unversiegbarer Quell von Eingebungen: Ich leide immer schwer, bis ich irgendwas zusammenkriege, was ich auf Papier bringen kann, was einigermassen spannend sein könnte für jemanden, der nicht meine Mutter ist.

Man könnte vor das Publikum liegen und eine Zwiebel spielen

Keine Ahnung, ob Schreiben meine Passion ist. Kann ich es einfach halbgut und mit der nötigen Inspiration durch die Kolumnen von Ronja von Rönne werden meine Texte dann ganz passabel? Und Moderieren, ja, also, das kann man wirklich nicht als Sinnesrausch beschreiben, welcher mich komplett mit Glücksgefühlen durchtränkt. Es ist einfach Reden vor der Kamera, fertig. So ähnlich verhält es sich mit Kleinkunst; da kann man wirklich absolut alles machen auf der Bühne, man könnte vor das Publikum liegen und 90 Minuten eine Zwiebel spielen. Es ist Kunst, wer es am Schluss nicht gut findet, hat es nicht verstanden.

In den Zügen in Richtung Solothurn, St. Gallen oder Biel, wo ich zum Beispiel eingeladen bin, ein Referat zu halten zu irgendeinem Thema (ein Referat – ich – wükki jetzt?), Gast bin bei einer Podiumsdiskussion oder mein abendfüllendes Kleinkunst-Programm zeige («D’ Gülsha Adilji zeigt ihre Schnägg» – Werbung Ende), da frage ich mich immer mal wieder, wann die Leute realisieren, dass da eine Battlefield-Stümperin kommt, die mittelmässig eloquent ihre Ansichten in die Welt knallt, untermalt mit halbgaren Gags und komisch kombinierter Kleidung. Zwei Sekunden später fahre ich mit dem Ringfinger über meine Augenbrauen und bin überzeugt, dass ich die Welt mit meiner Anwesenheit ein grosses Stück geiler mache. Dieses unglamouröse-glamouröse Gefühl hallt durch die Gänge meines Gehirns und verursacht alternierend zynischen Grössenwahn und riesige Ehrfurcht, Zweiteres zum Beispiel in Form dieser Kolumne, die in Demut getränkt wie eine einsame Socke in der Waschküche hängt.

Ich will nicht der Grund für schlechte Laune sein

Alles, was ich mache, klappt irgendwie und bezahlt sogar meine Miete. Aber ich habe immer mal wieder die Befürchtung, dass ich den Erwartungen von fremden Leuten nicht gerecht werden kann. Einerseits will ich ganz ehrlich nicht der Grund für Infektionen oder schlechte Laune sein, weil ich mit stumpfen und unsterilen Utensilien operiere, andererseits sagt dann mein Grössenwahn-Alter-Ego mit tiefer und hässiger Stimme: «Fuck that, you is the queen tschii» und meine Mutter wirft dann noch hinterher, dass ich mich um Gottes willen nicht darum kümmern sollte, was Fremde über mich oder meinen Output sagen. (Also sie sagt nicht direkt Output, weil sie nicht wie eine 34-jährige Creative-Direktorin einer Werbeagentur redet, aber ihr wisst, was ich meine.)

Ich versuche super krampfhaft und unter sehr grosser Anstrengung, in den Mittelmass-Schützengraben zu springen, der irgendwo zwischen devoter Ehrfurcht und aufgepeitschter Selbstüberschätzung liegt. Mittelmässig gut zu sein, heisst nicht, dass man sich auch mittelmässig gut fühlt, aber es hat ja auch niemand behauptet, dass es leicht wäre. Im Gegenteil, der schlimmste Krieg ist der im Kopf, der endet nie.