Wochenkommentar

Millionensaläre sind Gift für die Demokratie

CS-Chef Tidjane Thiam erhält für 2018 eine Vergütung von fast 13 Millionen Franken.

CS-Chef Tidjane Thiam erhält für 2018 eine Vergütung von fast 13 Millionen Franken.

In seinem Wochenkommentar zur Debatte um die hohen Managerlöhne schreibt Wirtschaftsredaktor Andreas Möckli: «Die ausländische Dominanz lässt den helvetischen Widerstand in sich zusammenfallen.»

Selten liess sich ein Volksbegehren so einfach auf den Punkt bringen. Mit dem Schlachtruf «Schluss mit der Abzockerei» fuhr Initiant Thomas Minder vor sechs Jahren einen historischen Sieg ein. Knapp 68 Prozent sagten damals Ja zur Abzockerinitiative, eines der besten Abstimmungsresultate in der Geschichte des Landes. Doch schon bald hat sich gezeigt, dass die Topmanager weiter «abzocken», um die Sprache des Schaffhauser Ständerats zu bemühen.

Die Firmen finden immer wieder neue Kniffe, um zu begründen, weshalb die Löhne in der Chefetage weiter steigen. Aussenstehende können da vielfach nur noch den Kopf schütteln. Nehmen wir das Beispiel Credit Suisse: Der Lohn von Konzernchef Tidjane Thiam steigt markant – auf 12,7 Millionen Franken. Gleichzeitig haben die Aktien der Grossbank massiv an Wert verloren. Die Firmenspitze sieht es als grosse Leistung, dass die Credit Suisse 2018 nach drei Jahren erstmals wieder Gewinn geschrieben hat. Die Anleger dagegen zeigen sich von der Leistung der Bank schwer enttäuscht.

Ist die Abzockerinitiative also nichts anderes als ein Etikettenschwindel? Minder machte nie einen Hehl daraus, dass mit seinem Volksbegehren vor allem die Rechte der Aktionäre gestärkt werden sollen. Dass die Eigentümer der Firmen bei den Managerlöhnen andere Massstäbe anlegen als das Volk, sagte er jedoch nicht so deutlich. Gleichzeitig warb Minder mit Slogans wie «Bereicherung stoppen!» und schürte so hohe Erwartungen, die seine Initiative nicht erfüllen konnte.

Nicht einmal ein Warnschuss

Indem das Volksbegehren die Aktionäre stärkte, stärkte es jene Investoren, die bedeutende Anteile an einem Unternehmen halten. In der Schweiz sind dies zu einem guten Teil internationale Grossanleger. Diese kümmern die Managerlöhne in der Schweiz und anderswo in vielen Fällen nicht. Zahlreiche Anlagefonds stimmen gar nicht erst ab. Andere Investoren geraten in Verlegenheit, da sie ihre eigenen Chefs ebenfalls fürstlich entlöhnen. Der US-Vermögensverwalter Blackrock etwa, der bei unzähligen Schweizer Unternehmen investiert ist, zahlt seinem Chef Larry Fink 24 Millionen Dollar.

Die ausländische Dominanz lässt den helvetischen Widerstand in sich zusammenfallen. Hiesige Grossanleger wie etwa Pensionskassen bringen schlicht nicht das nötige Gewicht auf die Waage, um gegen die Millionen-Saläre der Manager vorzugehen. Denn kritisch wären sie allemal. Dies zeigt etwa eine Auswertung dieser Zeitung über das Stimmverhalten der Pensionskassen bei der Credit Suisse. Doch oft ist die Zahl der Nein-Stimmen an den Generalversammlungen derart klein, dass es nicht einmal für einen Warnschuss reicht. Es gibt zwar einige Ausnahmen, doch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Dies zeigt eine Auswertung der Beratungsfirma HCM International. Bislang wurde dieses Jahr in 105 Fällen über den Vergütungsbericht abgestimmt. Davon sind lediglich bei 40 Firmen die detaillierten Abstimmungsresultate bekannt. Hier haben die Aktionäre den Vergütungsbericht mit durchschnittlich 89 Prozent gutgeheissen. Echte Opposition sieht anders aus.

Mässigung ist nicht in Sicht

Selbst wenn die ausländischen Grossinvestoren gegenüber den Managerlöhnen künftig kritischer werden sollten, dürfte eine echte Gegenwehr gegen die Millionensaläre in weiter Ferne liegen. Was also tun? Die 1:12-Initiative der Juso zur Begrenzung der hohen Bezüge wurde 2013 deutlich abgelehnt. Angesichts des steigenden Volkszorns könnten weniger radikale Anliegen durchaus Chancen haben. Derzeit ist jedoch keine solche Initiative absehbar.

Ebenso wenig ist eine Mässigung der Wirtschaftsführer erkennbar. Zwar gehören extreme Ausreisser à la Daniel Vasella der Vergangenheit an. Dennoch bleiben Löhne wie etwa von UBS-Chef Sergio Ermotti (14,1 Millionen Franken) oder von Roche-Chef Severin Schwan (15,1 Millionen Franken) für die grosse Mehrheit schlicht nicht erklärbar und dadurch unverständlich. Damit ist auch gesagt, dass der Unmut in der Bevölkerung nicht kleiner werden wird.

Zusammenhalt gefährdet

Die Angegriffenen verharmlosen die Kritik, indem sie von einer Neiddebatte sprechen. Doch damit verkennen sie die Sprengkraft der Diskussion. Der soziale Zusammenhalt einer Gesellschaft lebt unter anderem davon, dass eine grosse Mehrheit das Gefühl hat, die Einkommen würden einigermassen gerecht verteilt. Bei den Millionensalären der Manager wird dies krass verletzt. In der Schweiz kommt mit ihrer direkten Demokratie eine Besonderheit hinzu, welche die Manager verkennen. Wollen sie vom Volk Unterstützung für ihre Anliegen, die an die Urne kommen, brauchen sie Glaubwürdigkeit. Diese verspielen sie aber mit ihren hohen Salären. Und so dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie mit ihrem Gebaren wirtschaftsfeindlichen Vorlagen ungewollt zum Durchbruch verhelfen.

andreas.moeckli@schweizamwochenende.ch

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