Ich möchte niemandem nahetreten. Aber Kommentare auf öffentlichen Online-Plattformen sind grundsätzlich öffentlich und dürfen zitiert werden. In einem solchen Kommentar las ich kürzlich sinngemäss: «Ich bin soundso alt, von dem und dem Stand, 100 Prozent berufstätig, Familienverhältnisse sind so, wie sie sind,  bin grundsätzlich freiheitsliebend und möchte niemandem Böses. Ich kann keine Partei finden, die etwas für mich tut.» (Es ging um schweizerische Politik.)

Ich muss gestehen: Im ersten Moment hatte ich Lust, auf diesen Kommentar zu antworten. Und zwar nicht sehr feinsinnig. Etwa so: «Hier scheint jemand etwas nicht ganz verstanden zu haben.» Ich habe es dann gelassen, weil – auch da soll man ehrlich sein – die Registrierungsformalitäten unüberwindlich schienen.

Jetzt bin ich fast ein bisschen froh, habe ich nicht geantwortet. Denn ist es nicht vernünftig, so zu denken? Wir leben doch in einer Demokratie. Wenn wir vielen Stimmen glauben, in einer guten. Und da muss es doch so sein, dass das politische Personal, das wir immerhin wählen, für uns schaut.

Wir können jetzt ein kleines Gedankenexperiment machen. Es geht so: Oft wird ja kritisiert, dass «die da oben» nicht nur machen, was sie wollen, sondern auch nur für sich schauen. Und jetzt die kritische Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Politiker, der für sich schaut, und einem Politiker, der für mich schaut? Das Wörtchen «nur» brauchen wir nicht einmal. Wir sehen den Denkfehler. Wir wählen nicht Hirten, welche uns weiden und bei Bedarf füttern.

Da ist die Klientelwirtschaft der Römischen Republik. Und über diese Leute, die sogenannten «clientes», pflegen wir zu spotten: «Panem et circenses.» Stimmvieh, bei Stimmung gehalten und versorgt.

So scheint Demokratie auf jeden Fall nicht zu funktionieren. Und ich möchte fast wetten, dass auch der oben erwähnte Kommentarschreiber nicht auf einen Almosenempfänger reduziert werden möchte, der vom Staat erhalten wird. Darauf deutet ja auch hin, dass er berufstätig ist (100 Prozent) und das auch bleiben möchte. 

Bleiben wir noch ein Weilchen beim Politiker, bevor die wirklich schwierigen Fragen kommen. Was soll denn dieser Politiker tun? Natürlich auch unsere Interessen vertreten, wessen sonst? Nur: Können das individuelle oder Partikularinteressen sein? Soll der Politiker mein Glück garantieren oder mindestens meinen Unterhalt? Nein, offenbar nicht.

Was soll denn der Politiker für mich tun? Wenn wir fragen, was wir für unser Leben für unverzichtbar halten, kann man eine einfache Antwort geben: Sicherheit, Freiheit und Glück. Und die Reihenfolge scheint auch bereits sinnvoll zu sein.

Die Antwort sieht zwar einfach aus, aber natürlich ist es schon ein bisschen komplizierter. Sicherheit sehen viele Amerikaner am besten garantiert, wenn sich jeder nach Kräften bewaffnen kann. Und Freiheit sehen Libertäre aller Schattierungen darin, dass möglichst aller Kollektivzwang abgeschafft wird. Jeder für sich und nur für sich. Und beim Glück: Da sind wir uns einig, das ist individuell. Keiner weiss genau, was es ist, und für jeden ist es etwas anderes. Also muss man hier, wie die amerikanische Verfassung formuliert hat, jedem die Verfolgung seines Glücks ermöglichen, so er andere nicht dabei behindert.

Für uns, die Schweizer oder die Leute, die hier wohnen, ist klar, dass die ersten beiden Werte gemeinschaftlich verfolgt werden sollen. Die Sicherheit ist dann am grössten, wenn wir bereit sind, füreinander einzustehen. Und im Innern die Rechte aller gleich geachtet werden. Gewalt anwenden darf nur der Staat und nur dann, wenn ein Gesetz es erlaubt. Freiheit ist ebenfalls etwas, das durch das Recht geschützt werden soll. Und noch etwas: Beide Werte darf man nicht nur formal auffassen. Unter Sicherheit versteht man nicht nur den Schutz vor Gewalt. Sondern auch die Absicherung in unverschuldeter Not. Und unter Freiheit nicht nur die Abwesenheit von Zwang, sondern auch gewisse Möglichkeiten, sein Leben zu bestimmen.

Und so sehen wir besser, was der Politiker tun sollte. Er sollte sich so für mich, für uns, einsetzen, dass diese Werte gedeihen können. Politik ist die Gestaltung des Gemeinwesens, damit diese drei Grundwerte so gut wie möglich realisiert werden können. Früher dachte man, dass dies einigermassen auf dem eigenen Territorium bewerkstelligt werden kann. Heute wissen wir, dass das nicht geht. Viele Bedrohungen achten keine Landesgrenzen. Und noch wichtiger: Wie der Bereich unserer Rechte in dieser Beziehung über die Grenzen hinausgeht, tun das auch unsere Pflichten. Auch Menschen, die nicht «zu uns» gehören, dürfen uns gegenüber Rechte geltend machen. Und die Natur kennt ohnehin keine Grenzen.