Als im letzten Herbst ein Mann auf einen «Lebensbaum» kraxelte und von dort drohte, sich vor aller Augen in den Tod zu stürzen, hielt man ihn für einen Spinner. Polizei fuhr auf, die Feuerwehr kam mit der Leiter; so zerrte man den Lebensmüden vom «Lebensbaum» runter auf den Boden. Und jetzt, nur ein halbes Jahr später, stürzten junge Demonstranten in Managua einen solchen «Lebensbaum» um. Ein Ungetüm aus Eisenstahl von rund zwanzig Meter Höhe, neun Tonnen schwer, jeder 25'000 Dollar teuer. Und davon stehen knapp 150 rum, nachts jeweils mit Glühbirnen bunt beleuchtet, als wär’s Bling-Bling einer Chilbi. 

Andere Zeiten und andere Länder stürzten Statuen von Diktatoren – Lenin in der Ukraine, Saddam in Bagdad, Enver Hodscha in Tirana usw. Auch die Bevölkerung von Managua, der Hauptstadt von Nicaragua, stürzte schon mal einen Despoten: 1979 das Reiterstandbild von Anastasio Somoza beim Stadion. Nun also einen «Lebensbaum». Haben sich die Protestler eventuell im Symbol vergriffen? Ein «Lebensbaum» mag ein esoterisch anmutendes Gebilde sein zum Dekor einer Stadt – aber ein Machtsymbol? In Managua ist es genau das. Die «Lebensbäume» erfunden hat eine Frau, die mit ihrem Mann alle Macht an sich riss, für den eigenen Clan: Rosario Murillo, First Lady und Vizepräsidentin. Genannt «La Bruja», die Hexe. Der Protest richtet sich also klar gegen das Präsidentenpaar. Und gegen den Kitsch, womit es seine Selbstherrlichkeit verbrämt. 

Es sind die heftigsten Aufstände seit langem im mausarmen zentralamerikanischen Land. Alle sind überrascht. Selbst Leute im Land mit politisch feinem Sensorium hätten die Wucht und die Plötzlichkeit des Protestes nicht für möglich gehalten. Das Präsidentenpaar schien alles unter Kontrolle zu haben: Polizei und Armee auf Linie, die Justiz gleichgeschaltet, die meisten Medien eingesackt, zahllose Kritiker ohne Aufheben kaltgestellt, das Parlament ein Haufen noch von Abnickern. Und plötzlich fliegt dem Paar trotzdem alles um die Ohren. 

Drei Tage bloss, aber Aufruhr im ganzen Land. Sowohl am Pazifik wie im fernen Bluefields am Atlantik, in rund zehn Städten. Und am vierten Tag, so schildert es der Korrespondent des deutschen Magazins «Spiegel», ist das Land «am Rande eines Bürgerkriegs angelangt». Am Anfang des letzten Wochenendes sah es noch ganz danach aus. Dann setzte Präsident Daniel Ortega die Armee in Marsch. Es gibt Berichte, wonach die Armee gezielt in die Menge schoss. Nach Angaben des unabhängigen Nicaraguanischen Menschenrechts-Zentrums (Cenich) kamen bis zum Wochenende 25 Menschen ums Leben, vor allem Demonstranten. In Bluefields wurde ein Journalist erschossen, in Managua starb eine Polizistin. 

Überrascht war auch Sergio Ramírez, einst an der Seite von Daniel Ortega Vizepräsident von Nicaragua, seit einigen Jahren prominenter Opponent, allerdings im (einzig noch literarisch aktiven) Ruhestand. Vor zwei Wochen sprach Ramírez im Interview mit dieser Zeitung von seiner politischen Desillusion angesichts der Machterstarrung in Nicaragua: «Dieser ganze Prozess hatte so viele Menschenleben gekostet, viele Opfer. Um im Gleichen zu verharren? Das ist sehr frustrierend. Ich gehöre einer Generation an, deren politische Zeit vorbei ist. Jetzt wären andere dran. Aber ich sehe keine Anzeichen, dass neue Leute bereit wären, sich mit den politischen Fragen heute auseinanderzusetzen. Es scheint geradezu, als würden wir in einem betäubten Land leben.» 

In nur drei Tagen ist die Betäubung offenbar gewichen. Angefangen mit dem Protest hatten Rentner. Sofort waren auch Studenten auf der Strasse. Dann stellten Angestellte ihre Arbeit ein. Es folgten die Bauern, deren Verband einen «Marsch in die Hauptstadt» ankündigte, und die Kirche. Schliesslich sogar der Arbeitgeberverband Cosep. Letzteren muss Ortega wohl am meisten fürchten. Mit dem Cosep wollte er darum rasch reden – und nur mit diesem, was den Protest erneut anheizte; die Opfer hatte Ortega mit keiner Silbe erwähnt. Seine Frau hingegen nannte sie «Vandalen» und «Kriminelle», die, vom Ausland unterstützt, dem Laden Schaden zufügen wollten. 

Ganz anders Sergio Ramírez gestern an der Universität Alcalá in Spanien. Da überreichte ihm der König die renommierteste literarische Auszeichnung der iberoamerikanischen Welt, den Cervantespreis. In seiner Rede würdigte Ramírez zuvorderst die jüngsten Opfer: «Erlauben Sie mir, diesen Preis dem Andenken jener Nicaraguaner zu widmen, die in den letzten Tagen ermordet worden sind, weil sie auf der Strasse Gerechtigkeit und Demokratie eingefordert haben, und allen jenen Tausenden von Jugendlichen, die dafür weiterkämpfen, ohne viel mehr als ihre Ideale, damit Nicaragua zurückfindet auf den Weg zur Republik.» 

Die Jugend – das ist das richtige Stichwort. Auslöser der Unruhen war zwar der Plan der Regierung Ortega, die Abgaben der Sozialversicherung für Arbeitnehmer drastisch zu erhöhen und die Renten gleichzeitig zu kürzen. Angeblich, um das Sozialversicherungs-System vor dem Kollaps zu bewahren. Da müsste er zunächst den Beweis antreten, das Geld nicht in andere Kanäle abgezweigt zu haben, wie ihm Kritiker vorwerfen. Aber wie gesagt: Das war nur der Auslöser; dafür muss man nicht gleich einen «Lebensbaum» umstürzen. 

Die Alten bekamen in Windeseile Sukkurs von den Jungen. Auch aus staatlichen Universitäten, wo die Sandinisten bisher stets einer grosse Anhängerschaft sicher waren. Warum aber gab es heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei auch bei der Polytechnischen Universität, wohin besorgte Eltern während Jahren ihre Söhne und Töchter schickten, um eben gerade nicht «politisiert» zu werden? Was in Nicaragua immer mit Gefahren verbunden war und ist. Dass den Grosseltern die Rente gekürzt werden soll, ist das Eine. Dass sie aber auch selber, die Enkel, keine Perspektive haben, ist das Andere, viel Brennendere. 

Das Durchschnittsalter in Nicaragua beträgt unglaubliche 25 Jahre. In anderen Worten: Hier trifft man eigentlich nur Jugend. Aber diese Jugend hat null Aussicht auf kein Leben. Während ein Paar rafft, was es nur kriegen kann. Es gibt hier nicht wirklich «Lebensbäume», ausser als Terror eisernen Kitsches.