Die Meinungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Der prominente Politologe Claude Longchamp fordert mehr Professionalisierung in der Bundespolitik. Die Schweiz solle zu einem Berufsparlament übergehen, findet er. Die Forderung ist genau das Gegenteil dessen, was SVP-Chefstratege Christoph Blocher vorschwebt: Das Parlament sei so zu organisieren, dass ein Mitglied höchstens einen Drittel seiner Arbeitszeit für die Parlamentstätigkeit aufwende. Seiner Meinung nach sitzen in Bern nämlich zu viele Berufspolitiker. Blocher
wittert darin eine Gefahr für das Milizsystem.

Eine Studie der Universität Genf stützt nun beide, wenn man so will: Die meisten Parlamentarier investieren wirklich den grössten Teil der Woche in die Politik, so der Befund. Trotzdem seien sowohl Longchamps als auch Blochers Vorschlag falsch. Für einmal hält sich der Status quo ganz gut. Zwar widmen die Parlamentarier ihrem Mandat immer mehr Zeit. Doch 80 Prozent der Abgeordneten üben weiterhin eine berufliche Tätigkeit aus – sie leben also nicht in einem abgekapselten Politik-Universum.

Die Erfahrungen aus ihrem angestammten Job tragen sie unter die Bundeshauskuppel. Dort trifft der Bauer auf die Kriminologin, die Malermeisterin auf den Historiker. Das Vertrauen in die institutionelle Politik ist bei uns nicht ohne Grund grösser als in vielen anderen Ländern. Die Schaffung eines Berufsparlaments käme einer ebenso künstlichen wie unnötigen Trennung von den Bürgern gleich. Das Milizsystem bleibt ein Erfolgspfeiler der Schweiz.