Die Geschichte der Weihnachtsgans ist die Geschichte eines tragischen Fehlschlusses. Ein Küken wird Tag für Tag stets von neuem von freundlichen Personen gefüttert. Mit jeder einzelnen Fütterung wächst sein Zutrauen zu den Bauersleuten.

Zur immer fetteren Gans geworden, nimmt auch die Sicherheit zu, dass die lieben Menschen nur das Beste für das Tier wollen. Bis kurz vor Heiligabend das Schlimmste passiert und die Schlachtung ansteht. Was für eine Tragödie! Genau am Schlachttag, als das Risiko für die Gans am grössten war, war ihr Sicherheitsgefühl auf seinem Höhepunkt. Die Extrapolation der Vergangenheit führte zur denkbar grössten Fehlprognose.

Die Geschichte der Weihnachtsgans sollte Warnung sein für alle, die sich zum Jahreswechsel Gedanken machen, wie wohl 2019 werden wird. Natürlich kann man einfach so weitermachen, wie es bis anhin gut ging. Dann wird man mit guten Gründen – so wie die Weihnachtsgans im Sommer – hoffen, dass auch das kommende Jahr alles in allem ein gutes Jahr werden wird.

Dafür sprechen durchaus viele vernünftige Gründe. Auf dem G-20-Gipfel in Argentinien haben sich gerade die USA und China darauf geeinigt, vom Konflikt abzurücken und nach einem Konsens zu suchen. Das wird sich positiv auf die Weltwirtschaft auswirken. Und rund um die Schweiz geht es den Nachbarn gar nicht so schlecht. Vor allem die deutsche Wirtschaft ist nahezu ausgelastet und Vollbeschäftigung ist fast erreicht.

In «normalen» Zeiten spricht somit nichts gegen einen Optimismus für 2019. Solange sich Weltpolitik und Weltwirtschaft in ruhigem Wasser bewegen, können Richtung und Geschwindigkeit des Vorankommens und Veränderungen von Sachverständigen recht gut prognostiziert werden.

Und die erwarten für 2019 ein Wachstum des realen Bruttoinlandprodukts von rund zwei Prozent. Und noch viel wichtiger ist, dass die Beschäftigungsentwicklung auch weiterhin positiv verläuft. Die Arbeitslosenquote dürfte um zweieinhalb Prozent liegen – besser geht fast nicht!

Wäre da nicht die Geschichte mit der Weihnachtsgans, könnte man sich über die paradiesischen Zustände in der Schweiz freuen. Darf man auch, soll man auch! Jedoch sollte man – aus dem Schaden des armen Tiers schlau geworden – nicht völlig ausblenden, dass je mehr man sich vom Sicherheitsgefühl einlullen lässt, umso dramatischer ein schockartiges Ereignis wirken kann.

Zweierlei Schocks sind vorstellbar. Erstens können politische Turbulenzen die Szenerie abrupt verdunkeln. Das Säbelrasseln Wladimir Putins gegenüber der Ukraine, die sprunghafte Unberechenbarkeit des US-Präsidenten Donald Trump oder das Pulverfass im Nahen Osten können jederzeit eskalieren.

Was auch immer daraus folgen sollte, etwas ist unverändert sicher: der Schweizer Franken würde schlagartig unter Aufwertungsdruck kommen. Aber mittlerweile ist das eigentlich nichts Neues mehr. Die schweizerische Volkswirtschaft hat mehrfach bewiesen, dass sie mit dem Währungsschock umzugehen gelernt hat. Also nicht vergleichbar mit der für die Weihnachtsgans völlig unvorhersehbaren Richtungsänderung der Bauersleute.

Zweitens und weit diffuser, da schleichender, verändern disruptive Entwicklungen täglich mehr oder weniger augenfällig die Rahmenbedingungen – und zwar nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Gesellschaft und Politik. Die Digitalisierung ist nämlich weit mehr als nur eine technologische Innovation, bei der künstliche Intelligenz denkt und Roboter anstelle des Menschen arbeiten. Sie ist vor allem auch eine kulturelle Revolution.

Die neue Lebenswirklichkeit wird weit mehr sein als die alte Welt mit Internetanschluss. Sie wird komplexer, vielfältiger und damit vollständig anders als die bisherige. Digitalisierung ist ein «Game changer» in nahezu allen Lebensbereichen. Sie setzt alte Spielregeln im Kleinen wie gültige Gesetzmässigkeiten im Grossen ausser Kraft, ermöglicht und erlaubt in vielfacher Weise völlig neue mikro- oder makroökonomische Reaktionen und Verhaltensweisen.

Damit aber beginnen ihre Wirkungsmechanismen der Geschichte der Weihnachtsgans zu gleichen. Denn hier wie dort können Extrapolation des Bisherigen und «Business as usual» ins Verderben führen. Wenn die Zukunft weniger denn je vorhersehbar ist, sollten wirtschaftspolitische Massnahmen nicht ein für allemal perfekt für die Ewigkeit geplant werden, sondern brauchbar, rasch umsetzbar und flexibel veränderbar bleiben. Der Weihnachtsgans wird diese Erkenntnis nicht mehr helfen – Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im Zeitalter der Digitalisierung jedoch schon!