Wie viel wert ist ein Mensch? Ein italienisches Magazin hat einmal zusammengerechnet, wie viel herausspringt, wenn man seinen Körper zu Geld machen würde. Das beginnt mit unaufhörlichem Samen- oder Ei-Spenden, mit dem Wert der jeweiligen Organe (am teuersten die Lungen: 2-mal 116 000 Euro) und – nicht zu vergessen – der Muttermilch: Versicherungsexperten kamen auf eine Summe von etwas mehr als 44 Millionen Euro. Nach 9/11 musste Kenneth R. Feinberg an 5562 Personen etwas mehr als 7 Milliarden Dollar an Entschädigungen auszahlen (er schrieb zwei Bücher darüber: «What Is Life Worth» (2006) und «Who Gets What?» (2012). Ein ums Leben gekommener Sans-Papiers war für die Angehörigen damals 250 000 Dollar wert, für einen Polizisten schwankte die Summe um eine Million. Börsenmakler waren noch mehr wert. Fairerweise muss man sagen, dass der Kongress ihm die Vorgabe gegeben hatte, das letzte Einkommen sei massgeblich.

Wenn etwas noch mehr schockiert als die Idee, Menschen in Geld aufzuwiegen, dann das, was aus den obigen Zahlen hervorgeht: Dass ein Menschenleben unter gewissen Umständen weniger wert ist als der Materialwert des Körpers.

Nun liest man von einem neuen Rekord: Der Baseballer Bryce Harper verdient in den nächsten 13 Jahren 330 Millionen Dollar und ist damit der bisher am besten entlöhnte Mannschaftssportler. Andere Kollegen sind allerdings in ähnlichen finanziellen Sphären. Und – sagen alle, die es wissen müssen – der Rekord dürfte nicht lange halten. Die Erklärung ist überzeugend: Die Saläre erreichen solche Höhen, weil so viel Geld im Geschäft ist wie noch nie. Die Klubs werden mit Geld überschüttet. Und wo viel Heu ist, werden viele Kühe satt – oder viele Sportler reich. Die Erklärung belehrt uns auch, dass die Frage «Wie viel ist eigentlich ein Mensch wert?» nicht richtig gestellt ist. «Wert» bezeichnet nicht nur eine zweistellige Relation: so-und-so-viel wert, sondern etwas ist mehr wert als etwas Vergleichbares. Und damit ist klar, dass es nicht um einen Lohn geht, sondern um einen Preis.

Bei Managern und ihren Millionensalären wird gern ausgerechnet, wie viel so ein Mann verdient – in der Minute. Und geschlossen: So viel kann kein Mensch wert sein. Was falsch ist, denn gemeint hat man: So viel kann kein Mensch leisten. Adam Smith würde ausrechnen, wie viel Stecknadeln ein so Entlöhnter in der Sekunde fertigen müsste, damit das Geschäft rentiert. Und wenn die Rechnung ergibt, dass das nie rentieren kann, liegt er richtig.

Also muss man unterscheiden: Lohn ist der Anteil, den der Unternehmer von seinem Gewinn an den Arbeiter abgibt. Das muss er zwar vorfinanzieren, aber der Kalkül ist so. Er gibt ihm so viel, dass ihm nach Begleichung der restlichen Unkosten und den Reserven noch etwas für sich bleibt. Wer sagt ihm denn, wie viel das sein müsse? Oder: Gibt es einen gerechten Lohn? Nein, sagen die liberalen Theoretiker wie Hayek und Co., der Markt bestimmt den Lohn. Nein, sagt Marx, der Unternehmer bezahlt ihm genau so viel, dass er so knapp durchkommt mit seiner Familie. Weil – und hier haben wir wieder Hayeks Markt – hinter dem Arbeiter wartet die sogenannte «industrielle Reservearmee». Der Unternehmer findet immer jemanden, der für den Lohn arbeitet. Beides sind etwas extreme Aussagen. Mittlerweile hat sich der Anteil der Löhne an der Wertschöpfung bei etwa 60 Prozent eingependelt. In der Schweiz ist es immer noch etwas mehr als andernorts.

Saläre von Stars, seien es Sportler oder andere, funktionieren mehr wie Preise. Sie stehen in Konkurrenz zu dem, was andere kassieren. Ist viel Geld da, steigen die Saläre. Ist ein Star besonders gut, das heisst: gesucht, steigt sein Salär. Der Arbeiter ist «mehr wert», wenn er weniger verdient, beim Star ist es umgekehrt.

Die Welt ist nicht gerecht und schon gar nicht, wenn es um Geld geht. Es gibt einen «absoluten Wert» oder einen «Wert in sich», sagt der Philosoph Immanuel Kant. Das ist das, wenn es nichts zu vergleichen oder zu veräussern gibt. Das ist die Würde des Menschen. Bezahlen wird man für etwas, mit dem man etwas bezweckt – und wenn es nur die Freude des Besitzens ist. Deshalb darf man «die Menschheit» niemals als Mittel gebrauchen, schliesst Kant. Sie ist unveräusserbar und unvergleichbar. Und für den Rest gilt: Was soll’s? Es ist ja nur Geld.

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