Die Aufgabe, die dem Verteidigungsministerium und den Streitkräften gestellt war, ist im Grossen und Ganzen erfüllt», sagte der russische Präsident Wladimir Putin am Montag und kündigte überraschend einen teilweisen Abzug aus Syrien an. Schon am Dienstag haben russische Militärs in der Basis Hamaimim in der Provinz Latakia – den Stammlanden des Diktators Baschar al-Assad – begonnen, Flugzeuge für die Rückkehr nach Russland bereit zu machen. Russlands UNO-Botschafter Witali Tschurkin sagte, Russland wolle die «Bemühungen intensivieren, um zu einer politischen Lösung in Syrien zu gelangen».

Doch hat Russland seine Ziele wirklich erreicht? Ja, muss man in mindestens zwei Punkten sagen: Erstens hat Moskau wieder eine Position auf der internationalen politischen Bühne errungen. Der autoritär agierende Putin hat, nach der Ukraine, auch im Nahen Osten die Gesetze des Handelns diktiert; Putins Staat wird in Washington und am Uno-Sitz in New York, in Brüssel, in Riad und anderswo wieder ernst genommen; US-Präsident Obama telefoniert mit ihm. Und zweitens hat Putin seinen Amtsbruder Assad gestärkt, einen der brutalsten Diktatoren auf unserem Planeten. Vor einem Jahr schien Assads Regime am Ende, seine Armee erschöpft und durch Desertionen geschwächt. Jetzt sitzt Assad wieder etwas bequemer in seinem modernen Hochsicherheitsschloss hoch über Damaskus.

Das dritte Ziel allerdings hat Moskau bisher verfehlt: Die «Bekämpfung des Terrorismus» kann keineswegs als beendet bezeichnet werden. Bekanntlich hat «Terrorismus» für Putin und Assad eine andere Bedeutung als für die Amerikaner und Europäer. Für den russischen und den syrischen Herrscher sind all jene Kräfte «Terroristen», die das Regime in Damaskus bekämpfen. Einige von ihnen, die al-Nusra-Front, von den USA und Saudi-Arabien gestützte «gemässigte» Kräfte und (dank gleichzeitiger Bombardierung durch die Türken) einige Kurdenmilizen sind geschwächt. Auch der sogenannte Islamische Staat (IS) ist in Bedrängnis, obwohl er gar nicht das erste russische Ziel war; aber der IS ist noch nicht am Ende und streckt seine Tentakel nach Libyen, Tunesien und auf die Sinai-Halbinsel aus.

Das syrische Regime lässt derweil verlauten, Moskau habe versprochen, Syrien «im Kampf gegen den Terrorismus» weiterhin zu unterstützen. Bis zum Beweis des Gegenteils kann also auch die Zivilbevölkerung nicht aufatmen; sehr gut möglich, dass es weitere russische Luftangriffe geben wird. Und das Leiden geht weiter. Trotz Waffenruhe können Hunderttausende notleidende Menschen weiterhin nicht versorgt werden. Katastrophal ist die Lage laut UNO-Organisationen vor allem in der Gegend von Homs sowie in der Grossstadt Aleppo, wo etwa eine halbe Million Menschen hinter Frontlinien gefangen seien. Weitere zwei Millionen lebten in Gebieten, die von IS-Terroristen kontrolliert werden, welche keine UNO-Helfer zulassen.

Entsprechend verhalten reagieren Vertreter der syrischen Opposition. Monzer Mahus, Sprecher des Verhandlungskomitees der Opposition, sagte in Genf, man werde die Entwicklung abwarten . «Niemand weiss, was Putin im Schild führt. Aber Tatsache ist, dass er von Anfang an kein Recht hatte, in unserem Land zu sein», meinte ein anderer Assad-Gegner.

Der Beginn des russischen Abzugs aus Syrien fällt exakt mit dem fünften Jahrestag des Bürgerkriegs zusammen: Am 15. März 2011 ging das Regime mit äusserster Gewalt gegen Demonstranten in Damaskus und anderen Städten vor; seither sind mindestens 250 000 Menschen umgekommen und 11 Millionen in die Flucht getrieben worden. Zudem fällt auf diesen Dienstag auch der erneute Beginn der Syrien-Gespräche in Genf. Es ist also, wie sich der UNO-Vermittler Staffan de Mistura ausdrückt, ein «Moment der Wahrheit». Tatsächlich befinden wir uns in der Syrienfrage an einer Wegkreuzung: Entweder gibt es eine Verhandlungslösung, oder der Krieg flammt erneut auf, womöglich «schlimmer als bisher», befürchtet de Mistura.

Eine erste Runde in Genf scheiterte Anfang Februar; danach kam es zu heftigen Kampfhandlungen. Inzwischen ist ein Waffenstillstand erreicht worden, der seit zwei Wochen einigermassen hält. Bei getrennten Treffen will de Mistura nun mit den Kriegsparteien über eine Übergangsregierung, eine neue Verfassung sowie Wahlen innerhalb von 18 Monaten verhandeln. Ergebnisse sind nicht so rasch zu erwarten, wenn überhaupt. Umstritten ist vor allem die Zukunft des Diktators Assad. Sein Regime lehnt jede Diskussion über dessen Schicksal ab; die Opposition hingegen schliesst jede Lösung aus, bei der Assad weiterhin an der Macht beteiligt wäre. Der UNO-Vermittler plant weitere Gesprächsrunden in den kommenden zehn Tagen. Anschliessend soll es eine Pause geben.

De Mistura ruft beide Seiten auf, echten Willen zu einer Lösung aufzubringen. Ansonsten droht er, sein Mandat zurückzugeben. Er wäre der dritte gescheiterte Syrien-Vermittler nach Kofi Annan und Lakhdar Brahimi.