Wochenkommentar

Forschung im aufstrebenden Land: Die Diktatur soll China zum Universalgenie machen

Anfang Jahr landete die chinesische Raumsonde Chang’e 4 auf der erdabgewandten Seite des Mondes – ein technologisches Husarenstück, das bisher noch niemand gewagt hatte.

Anfang Jahr landete die chinesische Raumsonde Chang’e 4 auf der erdabgewandten Seite des Mondes – ein technologisches Husarenstück, das bisher noch niemand gewagt hatte.

In seinem Wochenkommentar schreibt der stv. Chefredaktor Raffael Schuppisser über Chinas grosse Ambitionen in der Forschung.

Statt grosse Reden vor der versammelten Weltelite in Davos zu halten, bleibt die US-Regierung zu Hause und versucht, einen Ausweg aus dem Shutdown zu finden. Die gesamte US-Vertretung hat die Reise ans World Economic Forum (WEF) abgesagt.

Anders China: Das Reich der Mitte stellt die grösste Delegation. In zahlreichen Diskussionsrunden wird die Rolle des aufstrebenden Landes Thema sein. Auch wenn die Verschiebung des Fokus von Amerika nach China am WEF nicht so geplant war, so spiegelt sie doch die derzeitige Grosswetterlage wider: Der Aufstieg Chinas zur Weltmacht wurde schon lange prophezeit, nun ist er da.

Das zeigt sich vornehmlich in der Forschung. Anfang Jahr landete die chinesische Raumsonde Chang’e 4 auf der erdabgewandten Seite des Mondes – ein technologisches Husarenstück, das bisher noch niemand gewagt hatte. Auch wenn das Unterfangen nicht mit einer bemannten Mondmission vergleichbar ist, welche die USA schon vor 50 Jahren unternommen haben, so zeigt sie doch die Ambitionen der Chinesen: Das Reich der Mitte will bis Ende 2030 eine feste Basis für Astronauten auf dem Erdtrabanten errichten.

Platz und Ressourcen auf unserem Planeten sind begrenzt: Wer sich langfristig als Supermacht etablieren will, muss die Grenzen der Erde überschreiten. China denkt gross und langfristig.

Ende letzten Jahres sorgte der Forscher He Jiankui für grosses Aufsehen, als er die ersten genetisch veränderten Babys präsentierte. Mit der Genschere Crispr soll er das Erbgut der Embryos so verändert haben, dass sie resistent gegen HIV sind. Das Experiment wurde selbst von chinesischen Kollegen vehement kritisiert und es fehlt noch immer eine unabhängige Bestätigung. Dennoch lässt das Ereignis keinen Zweifel offen: China ist nicht nur gewillt, «human genome editing» zu erforschen, sondern will die umstrittene Methode auch dazu nutzen, den Menschen zu optimieren.

Auch in der Informationstechnologie hat sich China rasant entwickelt: Keine Firma puscht den neuen Mobilfunkstandard 5G, der die Welt zu einem noch umfassender vernetzten Ort werden lässt, so sehr wie Huawei. Der Netzwerkausrüster und Handyhersteller verkauft mittlerweile mehr Smartphones als Apple – und die besten seiner Geräte können technologisch problemlos mit den neusten iPhones mithalten.

In China steht der schnellste Supercomputer, und die Forschung auf dem Feld der künstlichen Intelligenz (KI) wird mindestens so sehr vorangetrieben wie in den USA. Sie gilt als Schlüsseltechnologie für die Zukunft: Wer sie einmal beherrscht, so die Idee, kann sie dazu nutzen, sich in allen wissenschaftlichen Bereichen schnell zu entwickeln. Die KI soll China zum modernen Universalgenie machen.

Vor zehn Jahren gab China erst 0,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung aus. Mittlerweile sind es über 2 Prozent. 2020 sollen es 2,7 Prozent sein. Damit würde China nahezu mit hoch entwickelten Ländern wie den USA oder der Schweiz gleichziehen. Die Investitionen in neue Technologien sind für China auch nötig, damit die Wirtschaft weiterhin so schnell wächst wie bisher.

Denn zuletzt musste das Land einen Rückgang auf 6,5 Prozent hinnehmen. Damit prosperiert die chinesische Wirtschaft zwar weiterhin bedeutend besser als jene der USA (3,5 %), doch eben nicht mehr so schnell wie vor einigen Jahren. Auch könnte der Handelskrieg die Bilanz weiter trüben.

Dass sich China durch wirtschaftliche Sanktionen von seinen Ambitionen zur technologischen Supermacht abbringen lässt, ist zu bezweifeln. Dafür ist das Land schon zu weit entwickelt. Die Frage ist allerdings, inwiefern sich dieser Anspruch in einem politischen Einparteiensystem, wie es China kennt, umsetzen lässt.

Das diktatorisch-organisierte Regime von Xi Jinping bringt durchaus Vorteile für die Wissenschaft: Die Eroberung des Weltalls wird nicht daran scheitern, dass der Regierung die für eine Mondbasis notwendigen exorbitanten Geldsummen verweigert werden. Aus ethischen Bedenken bei der Gentechnologie werden keine Gesetze erlassen, welche die Forschung zügeln. Es gibt keinen Datenschutz, der die KI-Entwicklung hemmt.

Andererseits ist es fraglich, ob in einem diktatorischen Land die für neue Erfindungen nötigen innovativen Kräfte freigesetzt werden können. Lassen sich kreativer Geist und kritisches Denken langfristig so zügeln, dass sie lediglich den technologischen Fortschritt im Sinne des Regimes voranbringen, ohne das politische System zu hinterfragen?

Wenn die Antwort Ja lautet, so wäre das nicht nur deshalb ein Problem für den Westen, weil China sich zum Zentrum unseres Planeten entwickeln würde. Es bedeutete vor allem, dass die liberale Demokratie, das für uns bis dato nicht-verhandelbare politische System, infrage gestellt würde. Insofern geht es nicht nur darum, wer die Welt technologisch voranbringt, sondern auch darum, welches politische System sie regiert.

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