Sommerferien

Einen Sommer lang Pause?

Katja Gentinetta: «Zu «meinem Sommer» gehört für mich jeweils, während der Ferien auf Medien weitgehend zu verzichten.» (Archivbild)

Katja Gentinetta: «Zu «meinem Sommer» gehört für mich jeweils, während der Ferien auf Medien weitgehend zu verzichten.» (Archivbild)

In ihrer Kolumne schreibt Politikphilosophin und Beraterin Katja Gentinetta über Sommerferien, Sommerloch und den Sommer auf dem Lande.

Wenn der Bundesrat seine «Schulreise» hinter sich hat, im Aargau die Feuerwerke der Jugendfeste verstummt sind (und unser verängstigter Kater sie überlebt hat), dann ist Zeit für eine Sommerpause. Jedes Jahr – und jeder Erfahrung zum Trotz – gehe ich von neuem davon aus, ich hätte eine richtige, will heissen lange Sommerpause, in der ich mich komplett distanzieren und loslösen kann von dem, was mich das ganze Jahr hindurch begleitet, in Anspannung hält – oder, profan gesagt: stresst.

Dieser Gedanke einer vollkommenen Leichtigkeit beflügelt mich jeweils derart, dass ich auch andern, von denen ich weiss, dass ich sie erst «im Herbst» wiedersehe, «einen schönen Sommer!» wünsche – worauf sie mich meist etwas irritiert anblicken, weil sie nicht wissen, ob ich damit das Wetter meine (auf das ja kein Verlass mehr ist) oder ob ich tatsächlich der Illusion erliege, es gäbe so etwas wie einen «Sommer» noch, der ganz einfach deshalb «schön» sei, weil er einen das pausenlose An- und Eingebundensein gänzlich vergessen lässt.

Ihre Reaktion ruft mir jeweils schlagartig in Erinnerung, dass es diesen «Sommer» so gar nicht gibt, sondern lediglich der Alltag von «Ferien» unterbrochen wird, einer Aneinanderreihung von freien Tagen, an denen nicht (immer) gearbeitet wird.

Getragen von einer geradezu reizenden Sorglosigkeit

«Schuld» an meiner Illusion dürften die endlosen «Sommer auf dem Lande» sein, beschrieben in den Romanen des 19. Jahrhunderts, in denen die städtische Oberschicht jeweils für mehrere Wochen auf ihren Landsitz zieht, mit Sack und Pack, Kind und Kegel und natürlich den Bediensteten.

Die Tage dort bestehen aus Lesen, Musizieren und Nichtstun, vielleicht ein wenig Bewegung – Spazieren, Reiten oder einem (aus heutiger Sicht recht einfältigen) Ballspiel. Das eigentliche Zentrum des Tages aber bilden die Mahlzeiten, für die sich die Herrschaften zu Tisch setzen, der meist schön gedeckt, mit Blumen geschmückt und von weiteren Gästen bereichert ist, sodass die Langeweile durch Geselligkeit erheitert wird.

Vor allem aber sind diese Sommer getragen von einer geradezu reizenden Sorglosigkeit: der absoluten Zuversicht, dass die Welt genauso weiterbestehen wird, wie sie ist, und dass alles, was ist, seine Richtigkeit hat.

Freilich enden solche Sommer – auch in den Romanen – in einem garstigen Herbst. Aber wohl genau deshalb passen dieses Wunschbild und meine Art der Erholung so gut zusammen. Denn zu «meinem Sommer» gehört für mich jeweils, während der Ferien auf Medien weitgehend zu verzichten.

Zwar schnappe ich ab und an irgendwo eine Schlagzeile auf, aber ich beschäftige mich nicht mit ihr, sondern lasse sie gleichsam dort stehen, wo sie ist – im Wissen darum, dass sie, wenn sie wichtig ist, mir noch einmal begegnen wird, als Folge, wirkliches Problem oder einschneidendes Ereignis.

Für einmal keine «News» zu erhalten, die aufhorchen lassen, keine Bilder zu sehen, die sich unerwünscht einprägen, und von keinen Begebnissen zu erfahren, die Schlechtes verheissen, ist für mich ein wesentlicher Moment der Entspannung. Die sonst so erdrückende Komplexität löst sich in nichts auf, denn wo nichts ist, kann auch nichts mit nichts zusammenhängen.

Die Welt dreht sich auch ohne uns weiter

So einfach ist das – bilde ich mir ein. Denn natürlich ist das eine grandiose Illusion, eine masslose (Selbst-)Täuschung, auf die die Ernüchterung umso härter folgt, ja vielleicht gar ein verantwortungsloses Davonstehlen, das nicht erlaubt sein sollte.

Denn klar steht die Welt nicht still, während ich nichts von ihr erfahre. Aber untergehen tut sie – da kann ich mich getrost auf ein paar Jahrmillionen Existenz verlassen – auch nicht. Eine gewisse, zeitlich begrenzte «Realitätsabstinenz» halte ich deshalb für entschuldbar, vielleicht gar heilsam.

Sie stellt nämlich ein paar Relationen wieder her – wie etwa die nicht zu unterschätzende Einsicht, dass wir nicht zu allem, was auf uns an Informationen eindringt, gleich eine Meinung haben müssen, oder dass wir nicht auf alles, was irgendwo auf der Welt passiert, unmittelbar und selbst reagieren können. Die Welt dreht sich auch ohne uns weiter – im Guten wie im Schlechten.

Deshalb pflege ich mich in meinem «Sommer» auf maximal eine Entscheidung pro Tag zu beschränken, nämlich: welcher Wein zum Abendessen passt.

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