Kolumne

Eine Idee

Kunst ist genauso fragil wie eine Idee und sie entfaltet ihren unvergleichlichen Zauber ebenfalls nur, wenn man geduldig wartet und sich dafür bereit hält. (Symbolbild)

Kunst ist genauso fragil wie eine Idee und sie entfaltet ihren unvergleichlichen Zauber ebenfalls nur, wenn man geduldig wartet und sich dafür bereit hält. (Symbolbild)

In seiner Kolumne schreibt Autor und Moderator Reeto von Gunten* über unseren launischsten Begleiter – ohne den wir nicht leben könnten.

Wann hatten Sie zum letzten Mal eine Idee? Eine richtig gute, meine ich. Leider geschieht so was nicht alle Tage, klar. Aber es geschieht, ab und zu. Und in unterschiedlichster Weise. Manchmal schleppt man eine Idee ewig mit sich rum; als unfertigen Gedanken zuerst, als Skizze zur eigentlichen Idee, man plagt sich mit falschen Einfällen und misslungenen Versuchen herum, bis sie sich endlich aus dem gedanklichen Chaos herausschält und sich in ihrer überraschenden Einfachheit offenbart. Und dann gibt es Ideen, die einen regelrecht überfallen, einem unvorbereitet von hinten in den Nacken springen, als wollten sie sagen: «Auf mich hast du die ganze Zeit gewartet, ohne überhaupt davon zu wissen!»

Sie sind eigenartige Wesen, unsere Ideen. Sie sind alles, was wir eigentlich nicht mögen: unberechenbar, launisch und flüchtig. Und doch würden wir ohne sie nicht leben können. Wir brauchen Einfälle, um uns durch die Welt und unser Leben zu lotsen. Und: Ideen sind etwas vom Wertvollsten, was wir haben können. Weil wir sie untereinander austauschen und gemeinsam teilen können.

Eine gute Idee verbreitet sich schneller als jede Grippewelle

Eine gute Idee wirkt wie ein Virus: Sie verbreitet sie sich unter all denen, die ihr etwas abgewinnen können, schneller und flächendeckender als jede Grippewelle. Und weil sie dabei weiterhin unberechenbar, launisch und flüchtig bleibt, kann sie zwar festgehalten, aber nie eingesperrt werden. Wenn Sie schon einmal eine Idee hatten, der Sie später wieder begegnet sind, weil jemand anderes sie auch hatte, wissen Sie, wovon ich spreche: Ideen sind eines unserer wichtigsten Tauschobjekte und gleichzeitig komplett unbesitzbar. Zum Glück.

Eine Idee zu entwickeln und sie mit anderen zu teilen, sind zwei der wunderbarsten Tätigkeiten, die ich in meinem Berufs- und Privatleben unternehmen darf. Besonders das Teilen. Mitzubekommen, wie eine Idee bei jemandem ankommt, zu sehen, wie die Augen aufleuchten und der Kopf den taufrischen Gedanken gleich weiterspinnt, macht mir mindestens genauso viel Freude wie der Moment, in dem die Idee mir selber erschienen ist. Zuzuschauen, wie sie sich anschliessend verbreitet, wie sie weitergesponnen und umgebaut, eingesetzt und wieder weiterverbreitet wird, das ist unglaublich befriedigend.

Doch wie hat man sie eigentlich, solche Ideen? Nicht einfach so, glaube ich. Gute Ideen kommen nicht zu jedem und jeder, die sie gerne haben möchten. Nein, gute Ideen sind – wie gesagt – unberechenbar, launisch und flüchtig. Der Moment, in dem man eine Idee hat, ist das Produkt langer Arbeit, unendlicher Geduld und zähster Widerstandskraft gegenüber Pannen und Misserfolgen. Und der eigentliche Moment ihres Erscheinens daher gleichzeitig kompletter Zufall und dreiste Berechnung. Eine gute Idee kommt nur, wenn man sich für sie bereithält. Genauso funktioniert auch Kunst.

Kunst entfaltet ihren Zauber genauso geduldig wie eine Idee

Haben Sie schon einmal erlebt, was geschehen kann, wenn jemand auf einer Bühne seine Performance so intensiv durchlebt, dass Sie davon angesteckt wurden? Dass Sie mitgerissen werden in einen Sog, der sich Erklärbarkeiten entzieht? Dass Sie und die Kunst eins wurden? Da geschieht genau dasselbe. Kunst ist genauso fragil wie eine Idee und sie entfaltet ihren unvergleichlichen Zauber ebenfalls nur, wenn man geduldig wartet und sich dafür bereit hält. Auf Künstlers Seite genauso wie auf der des Publikums. Eine Idee zu haben hat mit Einstellung zu tun. Mit all der Zeit, die man damit verbracht hat, auf diesen einen erlösenden Einfall zu warten, ihn herbeizubeschwören und – trotz unzähligen Misserfolgen – immer wieder daran weiterzuarbeiten. Eine Idee zu haben und sie zu teilen, kann glücklich machen. Genau gleich wie ein geteilter Kunst-Moment.

Zurzeit ist Kleinkunst-Saison. In Jazz-Kellern, Kammermusik-Konzert-Lokalen und Kleintheatern werden fragile Ideen geteilt. Besorgen Sie sich ein Ticket! Gehen Sie hin! Und seien Sie bereit! Bereit für das, was Kleinkunst mit Ihnen alles anstellen kann! Es ist launisch, unberechenbar und flüchtig. Und etwas vom Besten, was man sich antun kann. Nur eine Idee. Aber sehr gern geschehen.

*Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3.

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