Kolumne

Dieser Prinz hat eindeutig das grosse Los gezogen

Der Prinz (Pavel Trávníček) passt Aschenbrödel (Libuše Šafránková) im Film «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» den verlorenen Schuh an (Archiv).

Der Prinz (Pavel Trávníček) passt Aschenbrödel (Libuše Šafránková) im Film «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» den verlorenen Schuh an (Archiv).

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» die emanzipatorischste aller Märchenverfilmungen ist.

Eine Frau, anmutig und höflich, aber ohne unabhängigen Charakter, wird von aussen gerettet, zum Beispiel von einem Mann. Oft ist dieser Mann ein Prinz, und die Frau ein zartes Mädchen, das ein trauriges, fremdbestimmtes Leben fristet. So oder so ähnlich funktioniert der Plot vieler Märchen, wie sie heute zu unserem kollektiven Gedächtnis gehören. Rapunzel und Dornröschen wären verhungert oder immer noch am Schlafen, hätte sie nicht ein holder Prinz, stolz dahergeritten auf seinem Schimmel, geküsst, geheiratet und mit auf sein Schloss genommen.

Ich liebe Märchen, vor allem die Grimm’schen. Es gibt nur wenige Werke in der Weltliteratur, in denen Frauen und Mädchen so viele Abenteuer erleben und sich so viel im Wald und in der Welt herumtreiben wie in den Grimm’schen Märchen.

Meine Oma las mir die mehr oder weniger an die Originaltexte gehaltenen Geschichten vor, als ich noch ein Kind war, auch, wenn sie manchmal brutal oder düster waren. Interpretationen dieser alten Märchen allerdings stecken ihre Figuren gerne in geschlechterspezifische Rollen, wie man sie heute lieber nicht mehr sehen will: Junge Männer sind tapfere und schlaue Helden, junge Frauen schöne und fleissige Mägde.

Disney-Verfilmungen etwa zeigen ihre Protagonistinnen ausschliesslich zuckersüss-lieblich mit Kulleraugen so gross wie Hühnereier. Ausgenommen sind hässliche Hexen und böse Stiefmütter. Schneewittchen à la Disney räumt als Allererstes auf, als sie das Häuschen der sieben Zwerge (Männer?) im Wald vorfindet. In der Grimm’schen Version sind die Zwerge ordentlich, Schneewittchen muss sich nicht um die Hausarbeit kümmern.

Die Psychologie kennt ein Syndrom, das an diese Retter-Philosophie anknüpft. So beschreibt der sogenannte Cinderella-Komplex – Aschenputtel heisst auf Englisch Cinderella – die weibliche Angst vor der Unabhängigkeit. Der Cinderella-Komplex ist das unbewusste Begehren, die Verantwortung für Leben, Geld und Entscheidungen abzugeben. Dieses Verhalten sei anerzogen, sagen Psychologinnen und Psychologen, denn das Gefühl fehlender Kompetenz werde bei Mädchen oft schon in der Kindheit angelegt. Etwa dann, wenn Eltern diese immer wieder auf die Gefahren einer Kletterpartie hinweisen («Du könntest dich verletzten!»), während sie Buben eher dazu ermutigen, es zu probieren.

Auch Disney’s Cinderella wartet, bis ihr der Prinz den Schuh an ihr Füsschen steckt und er sie so aus der Knechtschaft ihrer Stiefmutter befreit. Der Prinz hingegen sucht hartnäckig und selbstbewusst so lange, bis er dieses Füsschen gefunden hat – und es am Ende kommt, wie er es wollte.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Eine davon hat gerade wieder Saison. Diese Interpretation einer der bekanntesten Märchenfiguren der Brüder Grimm ist rebellisch, gibt weder Verantwortung ab, noch gibt sie sich mit ihrer Abhängigkeit zufrieden. Sie handelt trotz widriger Umstände! Sie rettet ein Reh vor dem Jagdpfeil eines Prinzen, indem sie dem Prinzen treffsicher einen Schneeball an den Kopf schmeisst. Sie ist so würdevoll, dass sie ihre Stiefmutter auch dann nicht auslacht, als diese einen Mini-Partyzelt-Hut trägt.

Diese Aschenbrödel gibt weder Verantwortung ab, noch gibt sie sich mit ihrer Abhängigkeit zufrieden. Sie handelt trotz widriger Umstände! Gespielt wird die Hauptfigur des Märchenklassikers von 1973 von Libuše Šafránková.

Diese Aschenbrödel gibt weder Verantwortung ab, noch gibt sie sich mit ihrer Abhängigkeit zufrieden. Sie handelt trotz widriger Umstände! Gespielt wird die Hauptfigur des Märchenklassikers von 1973 von Libuše Šafránková. 

Aschenbrödel ist nicht Märchen-Mainstream, obschon «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» zu den meistgesehenen Filmen an Weihnachten gehört.

Vielleicht, weil Aschenbrödel im Film von 1973 einen Satz von emanzipatorischem Ausmass sagt, wie ich ihn in keinem anderen romantischen Film je gehört habe. Auf die Aussage des Prinzen, dass er sie jetzt heiraten werde, sagt sie: «Haben Sie nicht etwas vergessen? Zu fragen, ob ich auch will?»

Hier hat eindeutig der Prinz das grosse Los gezogen.

Meistgesehen

Artboard 1