Gastkommentar

«Diese doofen, immer gleichen Sommerferien: Wer braucht die denn?»

Solch eine Kulisse bleibt den Schweizerinnen und Schweizern diesen Sommer wohl "erspart". Ferien finden eher im Inland statt.

Solch eine Kulisse bleibt den Schweizerinnen und Schweizern diesen Sommer wohl "erspart". Ferien finden eher im Inland statt.

Es sind ja bald Sommerferien. Nicht so bald, dass wir bereits unsere Unterhosen rauslegen müssten, aber bald genug, dass wir um unsere Ferien fürchten. Tatsächlich könnte es sein, dass wir dieses Jahr nicht verreisen. Dass wir dieses Jahr das Meer nicht sehen. Keinen Tomatensaft über den Wolken würzen. Dieses Jahr könnte unser Sommer so ganz anders aussehen, als wir ihn uns vorgestellt haben. Emotional sollten wir uns darauf einstellen, damit uns die Realität im schlimmsten Fall nicht wie ein Ziegelstein ins Gesicht trifft.

Was also, wenn wir diesen Sommer alle daheim bleiben? Ach dieses Daheim. Es hat selbst die Nase voll von uns. Dieses Daheim würde uns vor die Tür setzen, wenn es Arme hätte. Dabei weiss unser Daheim noch gar nicht, dass es uns vielleicht noch ein paar weitere Wochen, Monate aushalten muss. Vor allem im Juli, August ... Dann, wenn unser Daheim doch eigentlich mal Ferien von uns hätte und die Tassen und Teekannen während unserer Abwesenheit mit den Mäusen wie in einem Disney-Film ungestört singen und tanzen können. Dieser Sommer wird anders. Wir werden wohl ohne Hotels auskommen müssen. Wer braucht denn schon Hotels?! Schlafen, wo es kurz zuvor ein Fremder getan hat. Daheim ist es doch viel schöner.

Uns bleibt dieses elende Reisen, Fliegen, Fahren diesen Sommer erspart. Kein «Zum-Flughafen-­Rennen». Kein «Trolley-hinter-sich-Herziehen» und währenddessen ständig die eigene Ferse stossen, immer kurz vor dem Fall. Keine Schuhe bei der Sicherheitskontrolle ausziehen, weil die gefährlichsten Sprengstoffe schon immer in Wildlederturnschuhen hausten. Tasche auf, vor allen, alles raus, alles in Plastiksäckchen, alles vorführen: Nagelfeile wird weggeschmissen und die zu grosse Zahnpasta auch. Wir haben Corona überlebt. Wir setzen unser Leben jetzt nicht für eine Pediküre und Zahnhygiene aufs Spiel.

Und dann geht’s ab an ferne Orte. Etwas Thailand, tolle Bilder von Tempeln. Und noch ein Tempel und noch einer. Ein Wochenmarkt und ein Food-Market. Abends eine Bar mit Schirmchen im Drink. Wir reden uns ein, dass unsere Haare wegen der Meeresluft lockig sind, und erfreuen uns unserer wilden Seite. Dabei verdursten unsere spröden Haarspitzen jämmerlich, während wir unserem Gaumen noch einen Schluck gönnen. Der scheinbar kleine Sonnenbrand auf der Hüfte und den Schultern ist auch nicht so schlimm. Wir vergessen jedes Jahr, uns an diesen Stellen einzucremen, und lachen darüber. In der Zwischenzeit beklagt sich unsere Haut zusammen mit unserem Haar über unsere Unachtsamkeit und würde das Weite suchen, wenn sie ihre eigenen Beine hätten. Oder wir gehen an nahe ferne Orte. Geliebtes Italien. Dort war doch immer alles schön. Und alles so fein. Und vor allem die Glace. Gelato! Entschuldigung. «Dulce de leche» ist doch der Inbegriff von Bella Italia. Dabei ist es uns total egal, ob man es «Dultsche de letsche» oder «Doltschä dä lätschää» ausspricht. Oder war das doch Spanien?

Am zweitletzten Tag der Ferien erinnert sich dann jeder mit Herzrasen, dass er den Liebsten zu Hause noch etwas mitbringen muss. Ein Flaschenöffner mit dem Schriftzug des Ferien­ortes vielleicht? Oder ein Shotglas? Ein T-Shirt? Muschelarmband? Man kann schliesslich unmöglich aus den Ferien heimkommen und keinem ein chinesisches Fliessbandprodukt mitbringen. Wo kämen wir denn da hin? Wir waren zwar wochenlang in Quarantäne, aber wir haben doch nicht vergessen, was es bedeutet, Mensch zu sein?! Wir glauben noch immer an eine Zivilisation der Souvenirs.

Und dann sind zwei Wochen bereits vorbei. Damit die Ferien gefühlt länger anhalten, erzählen wir allen Freunden nach dem Überreichen der Geschenke, wie toll das Essen war, wie nett die Menschen, wie sauber das Hotel. Wir lassen uns für unsere Bräune feiern, während sich die Haut von den Schultern löst. Wer braucht die denn? Diese doofen, immer gleichen Sommerferien? Ehrlich? Diese doofen Ferien sind eben doch toll ...

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